Die Favela Vigário Geral, in der die Grupo Cultural Afro Reggae schwerpunktmäßig arbeitet, liegt in der Nordzone von Rio de Janeiro, nicht weit vom internationalen Flughafen. Lange Zeit war sie berüchtigt wegen der ausufernden Gewalt. So gehörten Schußwechsel zwischen rivalisierenden Drogenhändlerbanden und eingreifenden Polizisten fast zur Tagesordnung.

Im August 1993 erlangte Vigário Geral durch ein Massaker, bei dem Polizisten maskiert in die Favela eindrangen und als Vergeltung für den Mord an vier ihrer Kollegen am Vortag 21 Menschen wahllos erschossen, traurige Berühmtheit und wurde zum Symbol für urbane Gewalt schlechthin. Aufgrund dieses Ereignisses rückte diese Favela ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Auch die Grupo Cultural Afro Reggae begann 1993, kurze Zeit nach dem Massaker, mit dem Aufbau ihrer praktischen Projekte in Vigário Geral. Es ist jedoch nicht lediglich die zunehmende Gewalt in den Favelas, denen die Bewohner ohne Hilfe des Staates ausgesetzt sind. Die Menschen in den Favelas sind in vielfacher Weise vom System benachteiligt, von der Gesellschaft ausgeschlossen und diskriminiert. Neben der sozialen Benachteiligung bei der Einkommensverteilung leiden die Bewohner unter einer schlechten Infrastruktur, fehlender schulischer Ausstattung, schlechten Einstellungschancen aufgrund der Wohnlage und der sozialen Schicht, Rassismus und pauschalen Vorurteilen, denen man in Brasilien immer wieder begegnet: Favelados sind faul, kriminell, ungebildet, dreckig, Diebe und Verbrecher.

Die Grupo Cultural Afro Reggae

Die Grupo Cultural Afro Reggae (GCAR) hat sich neben der Grupo Cultural Olodum und Ilê Aiyê seit ihrem Bestehen zu einer der größten NGO´s Brasiliens im sozial-kulturellen Bereich entwickelt.Sie versucht durch ihre vielseitige Arbeit, die Situation von Jugendlichen in den Favelas in Rio de Janeiro zu verbessern. Mittlerweile sind es ca. 300 Jugendliche und Kinder aus den Favelas Vigário Geral und Morro do Cantagalo, welche an den Projekten der GCAR teilnehmen. Durch ihre Arbeit trägt die GCAR einen wesentlichen Teil zur Bürgerrechtsbewegung und Schwarzenbewegung bei und bietet Jugendlichen Alternativen zur Kriminalität, welche sich in Form von Drogenhandel und organisiertem Verbrechen neben sozialem Ausschluß und Armut zu einem der größten Probleme in der Millionen-Metropole entwickelten.

Neben der Herausgabe einer Zeitschrift, die über Aktivitäten der GCAR und Themen zur schwarzen und marginalen Kultur berichtet, und einem Radioprogramm, arbeitet die Gruppe in verschiedenen praktischen Projekten mit dem Ziel, durch ein kulturell-künstlerisches Angebot die Kinder von der Straße zu holen, vom Drogenhandel fernzuhalten und ihnen eine Perspektive zu bieten, ihr Leben fern von Gewalt und Kriminalität zu gestalten.

So soll über das Angebot von Perkussion, Instrumentalunterricht, Capoeira, moderner Afro-Tanz, Zirkusunterricht (in Zusammenarbeit mit dem Circe de Soleil) Fußball etc.eine politisch-gesellschaftliche Kompetenz erreicht werden, durch welche die Jugendlichen zu handlungsfähigen Bürgern werden Unterstützung bei der schulischen Aus- und Weiterbildung, Thematisierung von rassischer und sozialer Diskriminierung, AIDS-Prävention, Hygiene- und Sexualaufklärung, medizinische und psychologische Unterstützung (in Zusammenrbeit mit den Ärzten ohne Grenzen), soziale Integration durch Austauschprojekte zwischen Jugendlichen der Mittel- bzw. Oberschicht und aus der Favela sowie Jugendlichen und älteren Bewohnern u.a.).

Dieses Projekt hat zum Ziel, als Basisorganisation eine Bewegung zu schaffen, die einen Nachwuchs ausbildet, der darauf vorbereitet wird, als zukünftige Ausbilder und Erzieher oder Leiter von Projekten diese Arbeit auf andere Favelas auszuweiten. Die Gruppe versuchte so schon früh, die Jugendlichen selbst in die Projektarbeit miteinzubinden und durch Stipendien in der schulischen (Vorbereitung aufs Vestibular) und künstlerischen Ausbildung (Fortbildungskurse) zu fördern. Wichtige Aufgaben im Bereich der Leitung von Tanz- und Perkussionskursen, administrative Aufgaben und Büroarbeit, Betreuung des neu errichteten Kulturzentrums usw. werden bereits von den Jugendlichen selbst übernommen.Seit einigen Jahren findet diese Arbeit eine breite Unterstützung von verschiedenen größeren Organisationen,d.h. die Brasilieninitative Freiburg e.V. begleitet inzwischen diese Arbeit nicht mehr finanziell.