Nachfolgend stellen wir Ihnen das Straßenkinderprojekt CASA TAIGUARA in São Paulo vor. Günther Schulz, Vorsitzender unseres Vereins lebte von 1992-1996 in Brasilien und hatte dabei die Gelegenheit, die Arbeit verschiedener sozialer Bewegungen vor Ort kennenzulernen. Das zu Beginn des Jahres 1996 entstandene Straßenkinderprojekt CASA TAIGUARA kennt er von Beginn an, er besucht es jährlich und seit damals begleitet und unterstützt die Brasilieninitiative Freiburg e.V. diese Arbeit.

Hierbei ergab sich auch der Kontakt zu Daniel Fresnot, dem Initiator des Straßenkinderprojekts CASA TAIGUARA. Bereits seit vielen Jahren sozial engagiert (Schwerpunkt “povo da rua“ - Obdachlose, Nicht-Seßhafte) gründete er die Nichtregierungsorganisation Moradia Associaçao Civil. 1996 entschloß er sich verstärkt den Straßenkindern zuzuwenden.

Unser Ziel ist ein Brasilien ohne Straßenkinder

Daniel Fresnot, gebürtiger Franzose, inzwischen naturalisierter Brasilianer, besitzt eine kleine Verpackungsfabrik, was ihm seit den Jahren des Projektbeginns ermöglichte, sich mit erheblichen finanziellen Mitteln zu engagieren. Es gelang ihm, gemeinsam mit Freunden, ein im Zentrum São Paulos gelegenes Haus anzumieten: das Straßenkinderprojekt CASA TAIGUARA entstand. 1998 entschied sich der Vermieter dieses Haus, welches Übernachtungsmöglichkeiten für 20 Kinder und Jugendliche bietet und als „offenes Haus“ tagtäglich vielen Straßenkindern als Anlaufstelle zum duschen, Wäsche waschen....dient, zu verkaufen. Da der Träger „Moradia Associaçao Civil“ das Vorverkaufsrecht besass, beschlossen wir, den Hauskauf zu unterstützen. Der Kaufpreis von ca. 70.000 Dollar brachten wir gemeinsam mit unseren brasilianischen Freunden auf. CASA TAIGUARA ist seitens der Straßenkinder in der kurzen Zeit seines Bestehens auf eine breite Akzeptanz gestoßen. Ein großer Unterschied von CASA TAIGUARA zu anderen Einrichtungen, die sich den Straßenkindern widmen, ist die Tatsache, dass das Haus ein offenes Haus ist. „Die Kinder können kommen und gehen wie es ihnen beliebt, vorausgesetzt, sie beachten einige notwendige Regeln,“ (Anm: beispielsweise kein Drogenkonsum innerhalb des Hauses; Bereitschaft, anfallende Gemeinschaftsarbeiten mit zu tragen) so Daniel. „Der Abschied vom Leben auf der Straße ist auf diese Art und Weise nicht so abrupt.“ TAIGUARA bietet den Straßenkindern neben Übernachtungsmöglichkeiten verschiedene Angebote an: Aufenthaltsmöglichkeit während des Tages, medizinische Versorgung, Duschmöglichkeit, pädagogische Angebote, Kurse in portugiesischer Sprache und Mathematik (Anm.: Minimale Kenntnisse hierin sind erforderlich um danach überhaupt in einer öffentlichen Schule einen Platz bekommen zu können), eine Vielzahl verschiedener Kurse wie beispielsweise Kunst, Kochkurse, Schachkurse, Grundkurs in Elektrizität, Zirkus (in Zusammenarbeit mit der Zirkusschule Vila Ré).

Da wir die Arbeit von Daniel und der Equipe von TAIGUARA von Beginn an begleiten und uns von der äußerst positiven Ergebnissen immer wieder überzeugen, möchten wir Sie bitten zu überlegen, inwiefern es für Sie möglich ist, dieses Projekt zu unterstützen.

Dieses Projekt, initiiert und getragen von einigen Personen, erhielt bis Ende 2002 von keiner staatlichen Seite bzw. einer der großen Hilfsorganisationen Unterstützung. Dennoch wurde 2002 ein zweites Haus für 7-12 jährige Strassenkinder eröffnet, "Casa Taigurainha". 2003 schließlich entschloss sich die Stadtverwaltung von Sao Paulo dieses Projekt zu unterstützen, dennoch ist zusätzliche Hilfe weiter notwendig. Die Anerkennung der Arbeit des Taiguara-Teams wächst kontinuierlich, zuletzt kam es im Jahr 2007 zur Übernahme eines dritten Hauses. Dieses war von der Stadtverwaltung dem Taiguara-Team angeboten worden, was natürlich erneut zusätzliche Kosten bedeutet

Inzwischen (Stand: 2008) beteiligt sich die Stadtverwaltung von Sao Paulo an den anfallenden Kosten, dennoch ist diese Arbeit auf viele Einzelspenden angewiesen.

Bei Überweisungen auf unser Konto 250 548 06 (BLZ 680 900 00) bei der Volksbank Freiburg bitte das Stichwort "Casa Taiguara" nicht vergessen.

Ihre Brasilieninitiative Freiburg e.V.

 Straßenkinder

Auszüge aus der Studie "Brasilien-Land der Kontraste":

Ursachen und Phänomene der Straßenkindheit

Heimat Straße
Das Straßenkind gibt es nicht. Wenn auch die blanke Not einen wesentlichen Faktor darstellt ist die Straßenkindheit ein Phänomen, deren Ursachen so vielfältig sind wie die individuellen Charaktere der Kinder und Jugendlichen selbst... ...Ein weiterer Stereotyp entsteht dadurch, daß alle Kinder, die sich auf den Straßen aufhalten, unter den Begriff »Straßenkinder« fallen. Die überwiegende Mehrzahl ist jedoch nur scheinbar sich selbst überlassen - die Straße ist lediglich ihr Arbeitsplatz oder - aus Mangel an gut betreuten, bezahlbaren Kindergärten und Jugendzentren - ihr Aufenthaltsort, während die Eltern (häufig alleinerziehende Mütter) einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Man nennt sie deshalb »Kinder auf der Straße« (meninos na rua), während die relative Minderheit der »echten« Straßenkinder (meninos da rua) tatsächlich schwache oder keine familiären Bindungen haben und auf der Straße leben und übernachten. Angesichts all dieser Unterschiede gibt es auch nicht die eine Strategie zur Prävention der Straßenkindheit oder sozialen Reintegration der Kinder...

...Diese Unterscheidung zwischen »Kindem auf der Straße« und »Kindern der Straße« soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Schritt zum »echten« Straßenkind nur klein ist:

Die größte Kategorie sind diejenigen Kinder, die in absoluter Armut leben. Sie wachsen in einem höchst unterprivilegierten sozialen Umfeld auf. Es fehlen die minimalsten. Mittel zur Befriedigung von Grundbedürfnissen. Elterliche Aufsicht erhalten sie meist gar nicht oder nur ungenügend, weil die Mütter (meist ist nur ein Elternteil vorhanden) zum Gelderwerb irgendeiner Arbeit nachgehen müssen und wegen nicht vorhandener Tagesstätten die Kinder, auch sehr kleine, sich selbst überlassen müssen. Dadurch sind sie einem hohen Risiko ausgesetzt bald eine »Karriere« auf der Straße zu beginnen...

...Der nächste Schritt ist der, daß die Kinder zum frühest möglichen Zeitpunkt für sich selbst aufkommen oder gar zum Familieneinkommen beitragen müssen. Sie werden zu »Kindern auf der Straße«. Sie arbeiten als Schuhputzer, als Verkäufer von Süßigkeiten, Losen, Zeitungen und vielem mehr, sie putzen die Scheiben der im Stau stehenden Autos, führen kleine Kunststücke vor, usw. Um den meist mageren Tagesverdienst aufzubessern, wird auch mal gebettelt - und wenn dies nichts hilft, gestohlen...

...Tragischerweise bieten auch Kinderprostitution und Drogenhandel massenweise finanzielle Anreize. Häufig können die Kinder am Abend nicht nach Hause zurückkehren und verbringen ein paar Nächte auf der Straße. Daher fällt die Unterscheidung zur dritten Kategorie, den »echten« Straßenkindern, nicht ganz leicht...

...Die »echten« Straßenkinder - die »Kinder der Straße« - sind entweder Waisen, oder Kinder, die von ihren Eltern verstoßen oder verlassen wurden. Aber größtenteils sind es Kinder, die von zu Hause weggelaufen sind. Die Straße ist nicht nur ihr Arbeitsplatz, sondern ihre Heimat. In diesem letzten Stadium ist der fundamentale Bruch zwischen Kind und Erwachsenengesellschaft vollzogen. Da sie in einem vollkommenen rechtlichen Vakuum leben, sind sie in hohem Maße Repressionen und der Ausbeutung ausgesetzt, häufig auch durch beamtete Ordnungshüter. Sie erkaufen sich Duldung durch Prostitution, durch Diebstahl-Auftragsleistungen, oder durch Abgabe eines Teils ihres Verdienstes oder ihrer Beute. Jederzeit können sie an ihre Illegalität erinnert, vertrieben, mißhandelt und sogar getötet werden...

...Egal, um welche Kategorie von Straßenkindern es sich handelt das Phänomen der Straßenkindheit muß im größeren Kontext der »Straßenbevölkerung« gesehen werden. Die Städte Lateinamerikas sind voll heimat- und obdachloser Menschen, die den trockenen ländlichen Regionen entfliehen mußten, weil dort kein Überleben mehr möglich war. Doch in den überfüllten Städten ist der Lebensraum knapp...

"Die Strassenkinder sind nicht auf der Strasse weil sie es möchten, sondern weil das Leben ihnen dies abverlangt. Eltern, die ihr Kind verließen, Streitigkeiten in der Familie, Misshandlungen .... all dies trägt dazu bei, dass das Kind letztlich auf der Straße landet. Einmal dort ist der Weg zu Drogen, der Teilnahme an Überfällen, Aggressionen allzu natürlich. Ganz gewiss leiden diese Kinder unter diesen Lebensbedingungen welche sie, aber auch die Gesellschaft schädigen. Zugleich sind diese Kinder als Erwachsene - falls es überhaupt soweit kommt - potentielle Drogenhändler und Verbrecher." (Daniel Fresnot)