Auch 25 Jahre nach ihrer Gründung gibt es sie noch immer: die Brasilieninitiative Freiburg.

Badische Zeitung - Dienstag, 16.12.2003

"Das ist schon sehr selten"

Von unserem Redakteur Gerhard M. Kirk

Ihr Wappentier Ist das Gürteltier: Es lebt in kleinen Gruppen, hat einen har­ten Panzer und ist bekannt für seine Wühlarbeit. Genau das richtige Sym­bol für unseren Verein, dachten sich ein paar junge Leute, als sie 1978 die Brasilieninitiative Freiburg gründeten. 25 Jahre später gibt es sie immer noch. Zwar mit der Erfahrung einer gewissen Ernüchterung. Doch eine realistische­re Sichtweise scheint Günther Schulz gar nicht so falsch: „Man darf sich kei­ne Illusionen machen und muss trotz­dem versuchen, etwas zu verändern."

Nicht mehr das Große, das Ganze, das die Junglehrer und Studierenden damals im Blick hatten, als sie die Brasilieniniti­ative gründeten. Solidarität zeigt sich für den Mann der ersten Stunde eher in der Unterstützung kleiner Projekte, beglei­tet von Bewusstsein bildenden Informationen über die weltweiten Zusammenhänge von Reichtum und Armut. Denn: „Man kann nicht so schwarz-weiß denken und reden wie vor fünfundzwanzig Jahren.“

Erster Informationsstand 1978 in der Freiburger Innenstadt

1978, das war die Zeit der Militärdiktatur in Brasilien Und als Präsident Ernesto Geisel zu einem Besuch nach Bonn kam, machte jene Initiative, die es dank des Einsatzes von Ehrenamtlichen bis heute gibt, zum ersten Mal mit einem In­formationsstand auf der Kaiser-Joseph­ Straße auf sich aufmerksam. Über Dom Helder Camara, damals Erzbischof von Recife, bekam sie Kontakt in den Nord­ osten und unterstützte im Bundesstaat Piaui (bis heute die ärmste Region Brasiliens) als erstes ein Brunnen-Projekt.­ Rasch weitete sich der Blick durch Kontakte zur Landpastoral, zu Indianer- und sozialen Organisationen. Erste Reisen folgten. Und von 1992 bis 1996 lebte und arbeitete Günther Schulz in São Paulo. „Da habe ich Einblicke bekommen, die man sonst nicht kriegt."

Allerdings hatte sich da Brasilien offi­ziell schon zu einer Demokratie gewan­delt. Vorbei war´s mit dem Anprangern politischer Missstände (dafür wurde dann Nicaragua modern), Brasilien ver­schwand aus dem Blickfeld. Zu Unrecht, meint der Freiburger Realschullehrer. Bis heute hält er es für notwendig, über ein Land zu informieren, das mehr ist als Carneval, das eines der wichtigsten In­vestitionsländer für deutsche Firmen ist, in dem 40 Millionen Menschen (von 170 Millionen) hungern. Nicht minder notwendig erscheint ihm aber nach wie vor auch gezielt Projekten zu helfen: In­dianergemeinschaften, die Landlosen­Bewegung, Initiativen.in den Favelas, den Slums der Städte.

Sogar der Schriftsteller Heinrich Böll unterstützte ein Projekt der Brasilienini­tiative Freiburg, die mit der „Casa Tai­guara" für ältere Straßenkinder in São Paulo eine Modell-Einrichtung schuf, nach deren Vorbild die Regierung weite­re solcher Häuser errichten will. „Wich­tig bei diesen Projekten ist, dass wir die Menschen bei dem unterstützen, was sie machen und uns zurückziehen, sobald es läuft, damit keine keine Abhängigkeiten entstehen." Obendrein schafft diese Phi­losophie Spielraum für neue Vorhaben. So gibt es seit vergangenem Jahr neben der „Casa Taiguara" eine „Casa Taigua­rinha" für sieben- bis zwölfjährige Stra­ßenkinder. Und mit Hilfe des Bundesmi­nisteriums für wirtschaftliche Zusam­menarbeit (75 000 Euro) entsteht in Sal­vador gerade ein Bildungs- und Rekreati­onsprojekt: mit einer Krippe für Kinder allein erziehender Mütter, mit einer Ausbildung für Jugendliche, mit einem Treffpunkt für ältere Menschen.

Doch auch das hat Günther Schulz im Laufe der Zeit gelernt: „Es muss übers Geld hinausgehen." Dort wie hier. Deshalb gibt es in Freiburg Veranstaltungen, die sich nicht nur an Deutsche, sondern auch an die etwa tausend hier lebenden .Brasilianerinnen und Brasilianer wen­den - einen Arbeitskreis Frauen, einen Literaturabend, Informationsstunden in Schulen. Darüber hinaus gelang von Freiburg aus der Zusammenschluss von deutschen Brasilien-Gruppen in der „Kooperation Brasilien". Und hier entste­hen noch immer die „Brasilien Nach­richten" (mit einer Auflage von tausend Exemplaren), die Nummer 129 ist gera­de in Vorbereitung.

„Das Ernüchternde nach fünfund­zwanzig Jahren ist: Für die Mehrzahl der Bevölkerung in Brasilien hat sich ver­dammt wenig verändert", stellt Günther Schulz fest, „es ist letztlich eine beschei­dene Geschichte, was wir machen." Das aber alles ehrenamtlich. „Von daher ist es schon sehr selten, dass es so etwas wie die Brasilieninitiative Freiburg nach so langer Zeit noch gibt."

Brasilieninitiative Freiburg e.V.
Walter-Gropius-Str.2
79100 Freiburg
0761/556 25 72
Konto 250 548 06
BLZ 680 900 00

2003: 25 Jahre Solidaritätsarbeit: ein Grund zu feiern

2003 feierte die Brasilieninitiative Freiburg e.V. ein kleines Jubiläum: 25 Jahre Solidaritätsarbeit. So trafen sich am 20.September in Freiburg Aktive und ehemals Aktive um sich - zum Teil nach vielen Jahren - wieder einmal zu sehen und einen Rückblick auf die vergangenen Jahre zu werfen. Eine Power-Point-Präsentation erinnerte an die zurückliegenden Jahre und lies manch einen wehmütig werden. Die Spuren der vergangenen 25 Jahre waren an diesem Abend unübersehbar!