Silva: Der Kampf um den Regenwald, besonders im Amazonasgebiet, ist schon immer ein sehr schwieriger Kampf gewesen. Schon in den 80er-Jahren wurde der Umweltaktivist Chico Mendes ermordet, es gab immer sehr große Gewalt, die sich leider bis heute erhalten hat. Dieser Kampf hat sich auch in den letzten Jahren verschärft, während meiner Amtszeit sind der einheimischen Bevölkerung Ländereien zugewiesen worden, das waren fünf Millionen Hektar Land, und dort sollte die einheimische Bevölkerung die Möglichkeit haben, den Wald für ihre Zwecke zu nutzen. Dagegen hat es immer einen sehr großen Kampf derer gegeben, die das Land zu ihren Zwecken besetzen wollten und das Land auch für andere Zwecke benutzen wollten. Es ist aber sehr wichtig, dass die Bevölkerung dort eine Lebensgrundlage erhält und dass sie gegen diese Eindringlinge geschützt wird.
Karkowsky: Haben sie den Eindruck, dass Umweltschützer in Brasilien ausreichend geschützt werden von der Regierung, und ihre Mörder mit aller Härte verfolgt werden?
Silva: Es reicht einfach nicht aus, dass der Bevölkerung das Land zur Verfügung gestellt wird. Ich hatte ja gesagt, dass es auch notwendig ist, dass die Menschen dort geschützt werden müssen. Leider gibt es noch nicht ausreichende Schutzsysteme dafür, und die Mörder beziehungsweise diejenigen, die die Bevölkerung bedrohen, gehen meist straflos aus. Die Regierung muss deshalb die Mittel zur Verfügung stellen, damit alles getan werden kann gegen Gewalt und gegen Straflosigkeit.
Karkowsky: Der Regenwald wird in Europa gern als mythisches Symbol intakter und gleichzeitig gefährdeter Natur genutzt. Glauben Sie, dass er für Sie noch eine andere Bedeutung hat, weil Sie ja darin geboren sind und aufgewachsen sind?
Silva: Die Wälder haben eine sehr große Bedeutung für das Wassergleichgewicht auf dem Planeten. Gleichzeitig leben Millionen und Abermillionen Menschen in den Wäldern und die Wälder bedeuten für sie eine soziale, eine kulturelle, eine spirituelle Identität. Dort lebt die indigene Bevölkerung, und man kann daher den Wald nicht nur als etwas Ökonomisches betrachten, sondern er hat eine sehr große Bedeutung für die Identität dieser Bevölkerung und auch für die Entwicklung ihrer eigenen Vorstellung von der Welt.
Karkowsky: Was müsste Deutschland tun, um zur Rettung des Regenwalds beizutragen?
Silva: Es gibt ja sehr viele Diskussionen darüber, es ist zu einer Konvention über die Biodiversität gekommen, und das Wichtige ist, dass sich alle Beteiligten an der Erhaltung der Biovielfalt in der Welt, und dass die traditionellen Kenntnisse ebenso genutzt werden wie die Beiträge, die aus den entwickelten Ländern kommen. Beiträge, die in technologischen Fragen bestehen, in der Innovation, im Wissen, in den Kenntnissen, die weitervermittelt werden. Das alles muss darauf gerichtet sein, dass die Biodiversität nachhaltig erhalten bleibt. Und sicherlich müssen dann die entwickelten Länder auch ihren Beitrag dazu leisten, sie müssen auch zahlen dafür, dass die Bevölkerung, die traditionelle Bevölkerung in den Wäldern weiterleben kann.
Karkowsky: Sie sind nun nach Deutschland gekommen ein paar Tage, nachdem hier der Atomausstieg beschlossen wurde. Wann steigt Brasilien aus?
Silva: Ich halte den Atomausstieg Deutschlands für sehr wichtig. Leider war es so, dass Deutschland lange Jahre Brasilien davon überzeugt hat, wie bedeutend die Atomenergie sein kann, und darum denke ich, dass es jetzt gut wäre, wenn Deutschland wiederum Brasilien davon überzeugt, dass es nicht gut ist, diese Atomenergie weiterzuentwickeln. Und wenn diese Energieform nicht gut für Deutschland ist, dann ist sie nicht gut für alle Teile der Welt. Wir haben auch viele Möglichkeiten, die Energiequellen in Brasilien sind sehr vielfältig, wir können 45 Prozent unserer Energie mit Solarenergie, mit Windstrom, mit Biomasse, mit Biokraftstoffen betreiben, und wir brauchen daher diese Atomtechnologie nicht, die nicht nur gefährlich, sondern auch teuer ist.
Karkowsky: Marina Silva ist die Spitzenpolitikerin der brasilianischen Grünen. Herzlichen Dank, dass Sie hier waren! Muito obrigado!
Silva: Obrigada!