Karkowsky: Welche Folgen hat denn der Sojaanbau in Brasilien derzeit für den Regenwald?
Silva: Wir hatten sechs Jahre lang einen Plan verfolgt gegen die Abholzung, einen Plan zur Bewahrung des Regenwaldes unter der Regierung Lula, das war während meiner Amtszeit, als ich Umweltministerin gewesen bin. In dieser Zeit ist es gelungen, die Abholzung um 70 Prozent zu verringern und die CO2-Emissionen um zwei Milliarden Tonnen. Und die Landwirtschaft ist in dieser Zeit um 60 Prozent gestiegen, und das eben gleichzeitig bei dieser Verringerung um 70 Prozent der Abholzung. Im gleichen Zeitraum ist auch die Armut um 30 Prozent zurückgegangen. Das alles zeigt, dass es möglich ist, dass man etwas erreichen kann, wenn man ein ordentliches Umweltmanagement hat, wenn man die entsprechenden Anreize schafft. Wir können also eine wirtschaftliche Entwicklung erzielen, ohne die Umwelt zu zerstören. Wir haben im Moment einen Gesetzesentwurf im Nationalkongress, der ein großes Risiko darstellt für das weitere Bestehen des Regenwaldes.
Karkowsky: Nun ist Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff 2010 gewählt worden. Ist das ein Problem für die Umweltpolitik des Landes, oder führt sie die Politik von Lula fort?
Silva: Zum Ende der Regierung von Präsident Lula gab es schon einige Hinweise auf Änderung zur Umweltpolitik. Allerdings hat Dilma Rousseff im zweiten Wahlgang sich mit mir zusammengeschlossen, und sie hat gegenüber mir und auch der Grünen-Partei einige Verpflichtungen genannt, die sie eingehen würde, das heißt, dass sie auch Umweltmaßnahmen unterstützen würde. Wir hoffen sehr, dass es nun keine Rückschritte in dieser Politik geben wird, weder in der Gesetzgebung, noch im Hinblick auf die Abholzung, sondern dass alle produktive Entwicklung immer auch die Nachhaltigkeit im Auge behält.
Karkowsky: Sie hören im "Radiofeuilleton" die ehemalige brasilianische UmweltministerinMarina Silva. Frau Silva, in jüngster Zeit wurden in Brasilien erneut fünf Umweltaktivisten ermordet. Das klingt in deutschen Ohren natürlich sehr fremd. Wer hat ein Interesse an so etwas?
Silva: Der Kampf um den Regenwald, besonders im Amazonasgebiet, ist schon immer ein sehr schwieriger Kampf gewesen. Schon in den 80er-Jahren wurde der Umweltaktivist Chico Mendes ermordet, es gab immer sehr große Gewalt, die sich leider bis heute erhalten hat. Dieser Kampf hat sich auch in den letzten Jahren verschärft, während meiner Amtszeit sind der einheimischen Bevölkerung Ländereien zugewiesen worden, das waren fünf Millionen Hektar Land, und dort sollte die einheimische Bevölkerung die Möglichkeit haben, den Wald für ihre Zwecke zu nutzen. Dagegen hat es immer einen sehr großen Kampf derer gegeben, die das Land zu ihren Zwecken besetzen wollten und das Land auch für andere Zwecke benutzen wollten. Es ist aber sehr wichtig, dass die Bevölkerung dort eine Lebensgrundlage erhält und dass sie gegen diese Eindringlinge geschützt wird.
Karkowsky: Haben sie den Eindruck, dass Umweltschützer in Brasilien ausreichend geschützt werden von der Regierung, und ihre Mörder mit aller Härte verfolgt werden?
Silva: Es reicht einfach nicht aus, dass der Bevölkerung das Land zur Verfügung gestellt wird. Ich hatte ja gesagt, dass es auch notwendig ist, dass die Menschen dort geschützt werden müssen. Leider gibt es noch nicht ausreichende Schutzsysteme dafür, und die Mörder beziehungsweise diejenigen, die die Bevölkerung bedrohen, gehen meist straflos aus. Die Regierung muss deshalb die Mittel zur Verfügung stellen, damit alles getan werden kann gegen Gewalt und gegen Straflosigkeit.