Brasilianische Spitzenpolitikerin fordert Hilfe beim Atomausstieg. Marina Silva im Gespräch mit Stephan Karkowsky. Die brasilianische Spitzenpolitikerin und Umweltaktivistin Marina Silva hat Deutschland aufgefordert, Brasilien beim Atomausstieg zu unterstützen. Gleichzeitig bedauert sie, dass die Bundesrepublik ihr Heimatland jahrelang von der Bedeutung der Atomkraft überzeugt habe.  
Stephan Karkowsky: Im Studio begrüße ich nun eine Grünen-Politikerin mit einer beeindruckenden Biografie: Geboren im tiefsten Amazonasgebiet, die Familie arme Kautschukzapfer, mit 16 lernt sie Lesen und Schreiben, bald schon studiert sie Geschichte, mit 36 bereits ist sie die jüngste Senatorin Brasiliens. Unter Lula war sie Umweltministerin, trat aber aus Protest gegen seinen Industrialisierungskurs zurück und kandidierte voriges Jahr gegen Lulas Nachfolgerin - mit großem Erfolg, sie holte nämlich auf Anhieb für die brasilianischen Grünen 19,4 Prozent: Marina Silva, bem-vindo, herzlich willkommen!
Marina Silva: Obrigada!
Karkowsky: Sie sind zu Gast in Berlin auf Einladung der Grünen-Bundestagsfraktion, und da gibt es ja eine Gemeinsamkeit: Voriges Jahr wurden Sie mit Fraktionschefin Renate Künast ausgezeichnet vom einflussreichen "Foreign Policy"-Magazin als Top Global Thinker, also führender Kopf der globalen Umweltbewegung. Haben diese beiden Frauen noch mehr Gemeinsamkeiten, diese starken Umweltaktivistinnen?
Silva: Ich glaube, ja. Ich denke, dass die Grünen in Deutschland gezeigt haben, dass es möglich ist, mit großer Entschlossenheit eine andere Politikauffassung zu entwickeln, und es ist sehr wichtig, welche Position sie auch vor der Welt einnehmen. Die Grünen in Deutschland haben gezeigt, dass es möglich ist, den Wunsch nach Nachhaltigkeit in die Praxis umzusetzen, und ich glaube, das ist etwas, was uns ähnelt.
Karkowsky: Natürlich sind die Probleme in Deutschland andere als in Brasilien. In Südamerika ist gerade das Ackerland ein großes Problem, es wird immer teurer wegen der weltweit enorm gestiegenen Nachfrage nach Soja. Selbst in Argentinien bauen ehemalige Rindfleischfarmer nun lieber Soja an, da kriegen sie wesentlich mehr Geld für weniger Arbeit. Wie ist die Situation in Brasilien?