Beim Weltsozialforum in Brasilien werden Wirtschafts- und Umweltprobleme diskutiert

In der brasilianischen Millionenstadt Belém findet ab heute das diesjährige Weltsozialforum statt. Damit kehrt das Treffen der Globalisierungskritiker nach vier Jahren wieder nach Brasilien zurück. Gegründet wurde es 2001 als Gegengipfel zum Weltwirtschaftsforum in Davos. Die ersten Aktivisten sind bereits seit Wochen vor Ort. Auch die Kirchen sind erneut stark vertreten.


Im Hafen der brasilianischen Stadt Belém an der Amazonas-Mündung liegt das Greenpeace-Schiff "Arctic Sunrise". Holzkisten werden an Bord gehievt. Die Besatzungsmitglieder aus aller Welt bereiten eine Ausstellung über die Bedrohung des Regenwaldes durch Sojafarmer, Holzfäller und Großprojekte vor. Am Dienstag beginnt in Belém das diesjährige Weltsozialforum.
Nach vier Jahren kehrt das große Treffen der Globalisierungskritiker nach Brasilien zurück, wo es 2001 entstanden war. "Es ist eine große Chance für die Bevölkerung in Amazonien, ihre Isolierung zu überwinden und die globalen Debatten über Urwaldzerstörung und Klimawandel kennenzulernen", sagt Greenpeace-Sprecherin Tatiana de Carvalho.

"Forum über Theologie und Befreiung"

Die ersten Veranstaltungen haben bereits begonnen, etwa das "Forum über Theologie und Befreiung", zu dem sich Hunderte engagierter Kirchenleute eingefunden haben. Auch hier steht die Ökologie im Vordergrund. Zum Auftakt spricht Leonardo Boff. "Wenn wir uns nicht ändern, werden wir aussterben wie die Dinosaurier", sagt der brasilianische Befreiungstheologe mit dem weißen Bart. "Wir führen einen Krieg gegen die Natur, wir verbrauchen 30 Prozent mehr, als die Erde hergibt."
Die vorherrschende Art zu wirtschaften sei nicht nur eine Aggression gegen die Natur, sondern eine soziale Ungerechtigkeit, sagt er im Hinblick auf 963 Millionen Hungernde weltweit. Für Boff ist ein Umsteuern die große Herausforderung der Zivilisation. Das "oberste Gesetz des Wettbewerbs" müsse durch das Prinzip der Zusammenarbeit abgelöst werden, fordert er.
Aussagen wie diese sind nichts Neues auf den Weltsozialforen. Schon immer wurde auf den Treffen heftig gegen das kapitalistischen Wirtschaftssystem oder zumindest dessen "neoliberale Auswüchse" polemisiert. Durch die derzeitige Weltfinanzkrise dürfen sich die linken Kritiker bestätigt fühlen.

"Keine zyklische Krise des Systems, sondern die Endkrise"

"Es ist keine zyklische Krise des Systems, sondern die Endkrise", meint Boff. Solche Sätze, die 2001 noch von vielen belächelt wurden, erhalten angesichts der jüngsten Erkenntnisse über den Klimawandel mehr Gewicht. Auch die völlige Liberalisierung der Wirtschaft und das uneingeschränkte Vertrauen in die Kräfte des Marktes wie in den 90er Jahren gelten als gescheitert.
"Wir werden über die Vorstellung von einem 'guten Leben' sprechen, die von den Indianern aus dem Andenraum stammt", sagt Francisco Whitaker, einer der Gründer des Weltsozialforums. "In dieser Weltsicht ist Sein wichtiger als Haben, Anhäufen und Konsumieren".

"Das Weltsozialforum hat sich enorm entwickelt"

Bis zu 3.000 Ureinwohner aus dem Amazonasbecken und dem Andenraum werden in Belém erwartet - mehr denn je. Insgesamt haben sich bereits über 100.000 Teilnehmer angemeldet. Der Erfahrungsaustausch zwischen Aktivisten aus aller Welt soll wieder im Vordergrund stehen.
Unter dem Motto "Eine andere Welt ist möglich" werden Kleinbauern, Umweltschützer, Gewerkschafter, Entwicklungsexperten und linke Politiker aber auch ihre Alternativen zu jenen Lösungsmodellen darlegen, die die Staatschefs und Unternehmer zeitgleich auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos diskutieren.
"Das Weltsozialforum hat sich enorm entwickelt", findet der Brasilianer Whitaker. "Davos wurde durch den Druck von außen gezwungen, Umweltfragen auf die Tagesordnung zu setzen. Und intelligente Regierungen haben erkannt, dass sie viele Vorschläge aufgreifen können, die bei uns entwickelt wurden."  

 

Gerhard Dilger, Evangelischer Pressedienst - 27.01.2009