Die bewaffneten Aufpasser sichern das Gelände, als sei man unterwegs im Krieg, es ist heiß und still. Die Gläubigen trudeln ein, die meisten sind europäischstämmige Siedler aus Südbrasilien. Kräutler kann jedes Dorf nur alle zwei Jahre besuchen und umarmt vor der Messe jeden Einzelnen. Auch eine schwarz gekleidete Witwe ist gekommen, María da Penha Alfeo Federici. Ihr Mann Alfeo zeigte Gästen vor zehn Jahren den Xingu und erklärte ihnen, was Belo Monte anrichten könnte. Eines Nachts stieg ein Pistolero durchs Fenster und schoss ihm in den Kopf, vor Frau und Kindern. 'Nie wurde das untersucht', sagt María da Penha Alfeo Federici. 'Weil er den Amazonas verteidigt hat', sagt Erwin Kräutler. Dann gibt es Mittagessen im Schulhof.
Was in Pará ein Menschenleben kostet? Kräutler lacht. 'Da gibt"s Tabellen. Ein Bischof steht weit oben, auf mich waren mal eine Million Reais ausgesetzt. Ein schönes Geld.' 450000 Euro sind das, vielleicht gilt der Preis noch, wer weiß. Einmal begrüßte ihn Papst Benedikt XVI. in Rom mit den Worten: 'Bischof Kräutler, Sie sind ja vom Tode bedroht!' Den Fall Belo Monte ließ sich der Bayer Ratzinger vom Österreicher Kräutler schriftlich schildern, auf Italienisch - geantwortet hat der Papst nicht.
Befreiungstheologen wie Kräutler sind nicht so nach dem Geschmack der konservativen Zentrale. Seine eigene Freiheit ist durch die ständige Bewachung zwar dahin, aber die Befreiungstheologie werde es so lange geben, solange es Sklaverei und Armut gibt, sagt er. Und Sklaven und Arme sind hier reichlich zu finden, den Reichtum der Bodenschätze schöpfen andere ab.
Zurück in Altamira kündigt eine Frau mit indianischen Gesichtszügen einen Aufstand an. 'Wenn die das mit Belo Monte so machen, dann gibt es Krieg', sagt Sheyla Juruni. Sie sitzt im Büro der Vereinigung 'Xingu vivo para sempre' - 'Xingu - lebt für immer', Kräutler hat die Bewegung mitbegründet. 'Nein zu den Talsperren von Belo Monte am Xingu', steht auf Transparenten. Sheyla Juruni gehört zum Volk der Juruni und hat es anders als die meisten Eingeborenen an eine Universität geschafft. Sie studiert Geographie und ist eine Anführerin der indigenen Widerständler. 'Die Regierung spricht von Entwicklung, aber solche Entwicklung zerstört unsere Kultur', sagt sie, sie spricht besser Portugiesisch als ihre Muttersprache.
Sheyla Juruni schimpft auf Politiker und Firmen und auch auf manche Kirche. 'Wir haben nicht die Vision dieser Leute, die alles beherrschen wollen', nie seien die Indianer nach ihrer Meinung gefragt und Alternativen gesucht worden. 'Wir sind nicht gegen Fortschritt, aber es gibt andere Energieformen. Sonne, Wind.' Wasser? 'Für uns liegt der Himmel unter Wasser, das ist spirituell. Der Rio Xingu ist unser Fluss, wir haben immer hier gelebt. Der Xingu ist unsere Straße. Wir haben Angst vor dem Monster Belo Monte.'
Die Katholiken von Altamira betrachtet sie als Verbündete zum Schutz des Gotteshauses Xingu, ansonsten pflegt man eigene Riten. Kräutler leitet den Indianermissionsrat Cimi und besucht gelegentlich die Juruni, die Kayapo, die Arara und andere in ihren Dörfern und Schutzgebieten, manche haben kaum Kontakt zur Zivilisation. Er hat sich ein paar Wörter ihrer Sprachen beibringen lassen und er weiß: 'Wir können von ihnen lernen.' Einmal hatte sich der Pilot eines Kleinflugzeugs verflogen. Ein Eingeborener, der neben Kräutler saß, wies den Weg, ohne Karte und GPS.
Die Planer von Belo Monte hätten mit den Indianern beraten müssen, findet Kräutler. 'Die sind fast eins mit dem Fluss, wie im Mutterleib. So eine Beziehung kennen wir gar nicht.' Laut Verfassung haben die eine Million indianische Brasilianer dieselben Rechte wie jeder Staatsbürger. Aber sie werden übergangen wie Kinder. Der Chef der Umweltbehörde verstieg sich einmal zu dem Satz, es gehe Brasiliens Indianern wie Australiens Aborigines. Das kann sich rächen. Kräutler sagt: 'Die verteidigen den Xingu bis zum Schluss.'