Wer am Oberlauf des Xingu die ersten Spatenstiche der Großbaustelle besichtigen will, der wird von Wachmännern abgewiesen. Dafür steht nahe Kräutlers Pfarrgebäude an der Uferstraße von Altamira der Showroom von Norte Energía, dem Betreiberkonsortium. Er ist offen. Ein Modell zeigt die geplanten Staustufen und Kanäle. 'Das ist im Sinne unserer Entwicklung', sagt ein Mann, der vielleicht nicht zufällig das Relief studiert, als sich Reporter nähern. Er müsse wegen Belo Monte umziehen, 'aber wir werden alle entschädigt. Hier geschieht nichts außerhalb des Gesetzes.' Auf einem Tisch lagern Mappen mit Umweltstudien. 'Vision, saubere Energie', steht auf einem Plakat. Bischof Kräutler sagt: 'Das Projekt ist auf Lügen aufgebaut. Wir werden überrannt.'
Dann fällt der Strom aus - ausgerechnet. Die Klimaanlage in Kräutlers Besprechungsraum verstummt, die Luft wird warm. Im Parterre streikt der Fernseher, obwohl gerade Brasiliens Fußballelf spielt. Der Staat solle lieber alte Stromleitungen erneuern als unsinnige Kraftwerke hochziehen, sagt Kräutler. Sogar wirtschaftlich ist Belo Monte nach Ansicht vieler Spezialisten Unfug, weil der Xingu mehrere Monate im Jahr zu wenig Wasser führt. Es sei denn, einer Staumauer folgen weitere, was Kräutler vermutet. 'Dann hat Amazonien keine Chance.'
Außerdem werde Belo Monte keine Fernseher und Duschen mit Energie füttern, sondern Fabriken für Aluminium und Bauxit, manche davon gehören Chinesen. Brasilien ist ein neues Paradies für internationale Investoren. Aber wenn Ausländer sich um Amazonien sorgen, wird die Regierung empfindlich und erinnert an ihre nationale Souveränität. Kräutler sagt, man müsse Brasilien 'entmystifizieren' - und Lula. Er hat ihn beim ersten Mal gewählt und kennt ihn aus dessen Zeit als Gewerkschaftsführer. Aber für Kräutlers Geschmack verstehen sich der einstige Rebell Lula und die einstige Guerillera Rousseff zu gut mit Banken und Industrie.
Auch ein deutsches Unternehmen soll bei Belo Monte mitwirken, Voith Hydro. Der Verbund von Siemens und Hydro bekam einen Auftrag über 443 Millionen Euro für Turbinen, Generatoren, Transformatoren und Automatisierung. Zehntausende Jobs schafft Belo Monte. 'Arbeitsplätze auf Kosten anderer Menschen, für mich ist das unethisch. Nach mir die Sintflut, mit dieser Einstellung kann ich nicht leben', sagt Kräutler.
Für ihn ist Belo Monte eine Katastrophe, 'menschenverachtend, das kann apokalyptisch werden'. Er erzählt vom Treibhauseffekt und von Amazoniens Jahrhundertdürre 2008, eine Konsequenz auch der ständigen Brandrodungen. Und Altamira mit seinen 100000 Einwohnern wird überschwemmt, wenn es richtig losgeht, vom Xingu und von 100000 Handwerkern, Technikern, Glücksrittern. Vor kurzem wurde ein neues Bordell eröffnet.
Vielen Einheimischen wird die Stadt jetzt schon zu teuer, sie bauen sich Hütten in den Hügeln. Noch mehr Moskitos könnten noch mehr Malaria und Denguefieber einschleppen. Die Betroffenen seien nie richtig angehört worden, klagt Kräutler. Viele fragen ihn: Was wird aus uns?
An einem Sonntagmorgen steigt der Bischof in einen Geländewagen. Es geht zu Gottesdiensten aufs Land, vorbei an Rinderweiden und dichtem Grün, dahinter schlängelt sich der Xingu. Manchmal ist Kräutler wochenlang unterwegs, mit dem Schiff, dem Flugzeug, dem Auto, oder zu Fuß. Oft schläft er in Hängematten. Diesmal führt die Dienstreise über die staubige Transamazänica. Siedlungen am Straßenrand tragen Namen wie Brasil Novo, Neues Brasilien. Hier hätte ihn vor 24 Jahren beinahe der Attentäter totgefahren. Bei Kilometer 75 geht es rechts ab zur Kirche von Cristo Ressucitado, Auferstehung Christi. Es ist eine der Basisgemeinden, katholische Bastionen gegen evangelikale Pfingstkirchen.