Bis 2015 wollen Regierung und Konzerne am Rio Xingu das drittgrößte Wasserkraftwerk der Erde bauen, für viele Milliarden Dollar. Ein Heer von Arbeitern rückt mit schwerem Gerät an, wie eine Armee. 11000 Megawatt soll Belo Monte liefern und Brasiliens Wirtschaftsboom antreiben. Mitten im Amazonasgebiet, das so groß ist wie Westeuropa und von nur 22 Millionen Menschen bewohnt wird. Mitten in diesem Garten Eden, der als Lunge der Menschheit gilt. Dafür wird Urwald gefällt und der Xingu gestaut, zu einem See von der Größe des Bodensees, in dessen Nähe Kräutler aufgewachsen ist. 'Ein fauliger Totensee wird das', sagt er. Ökologen prophezeien entwurzelte Familien und vertrocknende Fischgründe, die Lebensgrundlage von Stämmen wie Kayapo, Arara und Juruni. 20000 Anwohner sollen umgesiedelt werden. Indianerverbände und Bürgerbewegungen protestieren, unterstützt von Prominenten wie dem Filmemacher James Cameron und dem Popsänger Sting. Eine ihrer hartnäckigsten Stimmen ist er: Erwin Kr  äutler aus Koblach in Vorarlberg.
Es ist die Geschichte von einem Land, das einen sagenhaften Aufschwung erlebt, aber auf Natur und Minderheiten wenig Rücksicht nimmt. Und es ist die Geschichte eines schmalen Kirchenmannes aus den Alpen.
Das Drama begann, als Kräutler 1965 wie sein Onkel Erich Missionar in Altamira im Bundesstaat Pará wurde. In Brasilien herrschte damals das Militär, die Generäle trieben die Bundesstraße BR-230 in die Wildnis, die Transamazänica. Seitdem kann man das 800 Kilometer entfernte Belém am Amazonasdelta auf einer rotbraunen Lehmpiste erreichen. Das war der erste Stich ins Herz Amazoniens.
Pioniere kamen, Holzfäller, Rinderfarmer. Und Grilheros, Leute, die illegal Land besetzen und Besitzurkunden fälschen, indem sie Grillen über Dokumente krabbeln lassen, die dadurch vergilben. Von Süden her bedrängen Sojaplantagen und Zuckerrohrfelder das Paradies, 20 Prozent des Amazonasbeckens wurden bereits gerodet und abgebrannt. Vor kurzem erließ Brasiliens Parlament auch noch auf Betreiben der Agroindustrie ein Waldgesetz, das Kahlschläger schützt.
1983 wurde Kräutler von Soldaten verprügelt und eingesperrt, weil er unabhängige Zuckerrohrpflanzer unterstützte. 1987 rammte ein Lkw sein Auto, der Beifahrer starb, Kräutler lag 33 Tage im Krankenhaus. 1995 wurde sein Ordensbruder Hubert Mattle unten im Foyer von Todesschwadronen erschossen. 2001 ermordeten Auftragskiller ein Mitglied seiner Basisgemeinde. 2005 traf eine Kugel die bekannte amerikanische Ordensschwester Dorothy Stang, eine Vertraute Kräutlers. Von mindestens 800 Morden an Aktivisten weiß er, vermutlich sind es mehr, verscharrt in Gräbern ohne Kreuze und Namen. Gefasst werden manchmal die Schützen, aber selten die Auftraggeber, der Staat ist fern und die Justiz korrupt.
Im Internet las Erwin Kräutler, er werde den 29. Dezember 2007 nicht überleben. Danach beschützten ihn sieben Polizisten mit Maschinengewehren und kugelsicheren Westen. Ihn, den Bischof von Xingu, den Herausforderer von Belo Monte. Die Pläne von Belo Monte stammen aus den Zeiten der Diktatur, lange hatten die Gegner das Ungeheuer verscheuchen können. Brasilia schien aufzugeben.
Aber der ehemalige Präsident Luiz Inácio Lula da Silva kramte die Idee wieder heraus. Und Präsidentin Dilma Rousseff will sie jetzt vollenden. Brasilien ist auf dem Weg zur fünftgrößten Wirtschaftsmacht, veranstaltet 2014 die Fußball-WM und 2016 Olympia. Brasilien braucht Strom, wegen Engpässen gingen in São Paulo und Rio de Janeiro schon die Lichter aus. Ohne Belo Monte könnten viele Brasilianer keine Telenovelas mehr sehen und nicht mehr warm duschen, warnte Lula, der Volksheld und Verführer.