Die Proteste in Brasilien ebben ab. Doch was bleibt vom Ganzen? Hier ein zugegebenermaßen polemischer Blick auf die Geschehnisse.

 

Heute war in Brasilien Generalstreik. Aber ganz ehrlich: Ich habe davon hier in Rio de Janeiro nichts gemerkt. Ich konnte ohne Probleme mit dem Bus zur Arbeit fahren, es gab keine Straßensperrungen wie sie von Prostestierenden in den vergangenen Wochen durchgeführt wurden, alle Geschäfte hatten geöffnet. Ist dem „brasilianischen Frühling“ also schon der Wind aus den Segeln abhanden gekommen? Handelte es sich nur um ein seichtes Lenzlüftchen. Wollen wir es mal nicht hoffen. Doch wenn man Zustimmungsraten zu den Protesten und seinen Zielen von über 80 Prozent innerhalb der brasilianischen Bevölkerung Glauben schenken kann,  wundert es einen doch, dass nun Windstille herrscht.

Aber unterstützen wirklich alle die Proteste? Nein, ich kenne eine Brasilianerin, die die Geschehnisse nicht so toll findet. Jetzt denkt jeder gleich an das politische und wirtschaftliche Establishment, die korrupte Elite Brasiliens. Keineswegs. Teresa ist in den Endfünfzigern, hat sich stets aus der Politik rausgehalten, lebt in Nova Friburgo, zwei erwachsene Söhne und – das ist wichtig – Tereza interessiert sich brennend für Geschichte. Im Speziellen für die Geschichte ihrer Heimat Brasilien. Und sie hat mit bei einem kühlen, sehr kühlen Bier so Einiges Interessantes über ihr Land erzählt.

Bei ihrer ersten These musste ich schlucken. Die Proteste seien aus langer Hand geplant worden. Es habe während der letzten Monate in Auslandsvertretungen in Brasilien geheime Treffen gegeben, die der Vorbereitung von einem Aufruhr gedient hätten. Die Preiserhöhungen der Bustickets in vielen Städten Brasiliens kamen da sehr gelegen und dienten als Funken im Pulverfass. Das Fass dabei hauptsächlich von – na von wem wohl? – den USA mit Schwarzpulver gefüllt worden. Die US-amerikanischen Geheimdienste hätten sodann die Zündschnüre in der Bevölkerung verteilt. Und dann machte es Bumm: Die größten Demonstrationen seit Jahrzehnten erhoben sich in Brasilien.

Das klingt nach einer recht platten Verschwörungstheorie. Aber überlegen wir uns es mal ganz genau: Hätte uns jemand vor drei Monaten erzählt, dass die USA angeblich befreundete Länder wie Deutschland und Brasilien im ganz, ganz großen Stil abhören und alle unter Generalverdacht stellen? Nein, aber Prism ist auch eine Wahrheit. Da wiegen Proteste in Brasilien womöglich gar nicht mehr so schwer.

Aber warum das Ganze? Teresa ist sich sicher: Es geht natürlich ums liebe, große Geld. Die überwiegend linken Regierungen in Lateinamerika sind den Vereinigten Staaten nicht gerade wohlgesonnen – verständlich, da so gut wie alle mittel- und südamerikanischen Militärdiktaturen in gewisser Weise Vasallenstaaten der USA gewesen sind. Die USA als Verbreiter von Menschenrechten und demokratischen Idealen – das glaubt einem hier in Brasilien keiner, der etwas von der historischen Entwicklung der Region versteht. Brasilien wurde wahrscheinlich in letzter Zeit einfach zu aufmüpfig, fordert einen Sitz im Weltsicherheitsrat, macht auf gut Freund mit den anderen BRICS-Staaten, wobei vor allem Russland und China den US-Amerikanern ein Dorn im Auge sind, Brasilien suchte Annäherung zum Iran und nicht immerwährende Feindseligkeit. Und Brasilien will den USA den Rang ablaufen in der Produktion von Soja und anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen – ein Milliardengeschäft.

Und beim Geld hört bekanntermaßen der Spaß auf. Auf der Oberfläche betrachtet verfolgten viele Protestler löbliche Ziele – bessere Bildung, effizientere Gesundheitsversorgung, mehr soziale Gerechtigkeit und ein Ende von der korrupten Politik. Doch wurden die Ziele selten konkret, es konnte sich kein rechter Ansprechpartner finden, der der wütenden Masse auf der Straße eine Stimme gegeben hätte. Und die Medien, ob in Brasilien oder im Ausland, fokussierten sich allzu oft auf die Wenigen unter vielen, die die vereinzelten Ausschreitungen zu verantworten haben. Es steht zu befürchten, dass viele der Forderungen im Wasser verlaufen werden. Dilma Rousseffs verkündete zehn Sofortmaßnahmen bleiben wohl eher Beruhigungspillen ohne nachhaltige Wirkung. Aber die Regierung ist immerhin schon mal geschwächt – das ist ganz sicher ein Resultat der Proteste. Das Misstrauen gegenüber der politischen Klasse ist immens gewachsen, mit der Ausnahme von ein paar positiven Ausnahmen (sehr interessant hierzu: ein Beitrag von Marian Blasberg von der ZEIT, der über den ehemaligen Starfußballer und jetzt Vollblutpolitiker Romário eine Reportage geschrieben hat, wohlgemerkt: noch vor den Protesten: http://www.zeit.de/2013/25/confed-cup-brasilien-romario).

Eine gute Ausgangsplage also seinen Einfluss geltend zu machen. Vor ein paar Wochen war US-Vizepräsident Joe Biden zu Gast in Brasilien – vielleicht nicht unbedingt ein Zeichen der gesteigerten Wertschätzung für ein wichtiger werdendes Brasilien, sondern vielmehr ein Aussondieren der eigenen Einflussmöglichkeiten. Diplomatie eben, mit der ein oder anderen Hinterzimmerstrategie verwoben. Haben sich die Massen also gar nicht zu ihrem eigenen Wohle erhoben? So drastisch ausgedrückt stimmt das in Bezug auf Brasilien (hoffentlich!) nicht. Aber die Geschichte hat schon ein oder mehrmals gezeigt, dass nach großen Wenden nicht immer das besten für die brasilianische Allgemeinheit herauskommt.

Meine gute Freundin Teresa fährt in ihren Ausführungen fort: Als Brasilien seine aus Portugal importierten Monarchen im Jahre 1889 geschasst hatte und nach einem Militärputsch eine mehr schlechte als rechte Republik etabliert wurde, war das eigentlich ein erstaunlicher Vorgang. Die Kaiserfamilie um Dom Pedro II. war nämlich äußerst beliebt innerhalb der Bevölkerung und zählte sicher nicht zu den absolutistischen Monarchen à la Ludwig XIV. Doch als die königliche Milde allzu groß zu werden drohte und die Sklaverei 1888 abgeschafft wurde, bekam es eine mächtige Gesellschaftsklasse Brasiliens mit der Angst zu tun: Die „Fazendeiros“, die Großgrundbesitzer und Farmer, die sich ihrer Reichtumsgrundlage, nämlich billiger Sklavenarbeit, beraubt sahen. Also zettelten auch sie als schon damals einflussreiche Strippenzieher den Putsch an. Den politischen und wirtschaftlichen Einfluss haben sie bis heute, fast anderthalb Jahrhunderte später, behalten. Dass brasilianischen Parlament ist voll von Fazendeiros.

Diese trieben auch 1964 mit freundlicher Unterstützung des CIA, versteht sich, den Putsch gegen den demokratisch gewählten Präsidenten João Goulart voran, der eine Politik einer größeren Unabhängigkeit von der USA verfolgte und auch eine Landreform vorantreiben wollte, um den ärmeren der Gesellschaft mehr vom brasilianischen Reichtum bieten zu können. Kein Wunder, dass sich das die USA, und erst recht die Fazendeiros nicht bieten lassen wollten, so umstritten Goulart selbst auch war.

Die reiche, weiße Oberschicht hat sich in Brasilien somit heimisch einrichten können. Hand auf’s Herz: Brasilien ist uns bleibt ein gespaltenes Land. Von den 39 (!) Ministerposten ist nur einer mit einer Schwarzen besetzt, und zwar der der Antidiskriminierungsministerin. An den Unis studieren mehr Weiße, ihre schwarzen Altersgenossinnen arbeiten vielleicht schon als Hausangestellte – eine meines Erachtens moderne Form der Sklaverei. Bis heute gibt es keine Gewerkschaft für die Millionen Hausangestellten in Brasilien.

Ist das alles Polemik? Vielleicht ein bisschen.  Doch manchmal kann nur so ein Funken Wahrheit entdeckt werden. Der alltägliche Rassismus, auch diesem Thema müsste sich Brasilien vermehrt widmen  – doch das war bei den Protesten erstaunlicherweise kein Thema, so wichtig und richtig die anderen Forderungen auch sind. Viele arme, afrobrasilianische Menschen haben in Brasilien immer noch keine Stimme.

Bis zu einem schwarzen Präsidenten braucht Brasilien wohl noch einige Jahrzehnte. Hoffen wir, dass jener dann seine Bevölkerung nicht ausspioniert und womöglich sogar noch einen Putsch unterstützt. Hoffen wir, dass sich Geschichte in Brasilien nicht schon wieder wiederholt.