In Brasilien leben viele Nachfahren japanischer Einwanderer, vor allem in der Gegend um São Paulo. Kommt mir deswegen hier so manches eher ostasiatisch vor? Eine soziokulturelle Vergleichsstudie mit Augenzwinkern.

Der Weg zu meinem  Praktikumsplatz ist nicht so weit. Ich wohne nur eine Bushaltestelle davon entfernt, kann aber doch nicht zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad fahren, weil der Weg durch den Santa-Barbara-Tunnel führt, und dort gibt es keinen Fahrradweg (zumal ich sowieso jedem und jeder vom Radfahren in Rio dringend abraten würde; die Autos werden sich im Straßenverkehr immer durchsetzen…). Also nehme ich jeden Morgen und Abend den Bus. Man sollte stets das passende Kleingeld dabei haben, da die Kassierer, die im Bus selbst sitzen (der Fahrer fährt nur), sehr ausfallend werden können, wenn sich ein unwissender Ausländer erdreistet mit einem 10-Real-Schein bezahlen zu wollen. Dann schütteln sie ihren Kopf, schauen erbost und ich weiß, dass ich diese Sünde nie mehr begehen werde.

Wie dem auch sei, ist es fast immer brechend voll im Bus. Ich muss mich ganz schön beeilen, wenn ich es mit dem Bezahlen geschafft habe, mich bis nach hinten zum Ausgang zu quetschen. Wie gesagt: Ich habe nur eine Station Zeit. Doch während dieser kurzen Fahrt fällt mir stets etwas auf. Viele der Glücklichen, die sich einen Sitzplatz ergattert haben und offenbar länger als ich unterwegs sind, schlummern tief und fest, so scheint es, mit dem Kopf ans Fenster, die Haltestange oder Nachbars Schulter gelehnt, schaffen es aber immer rechtzeitig auszusteigen, als ob sie einen inneren Wecker hätten. Ansagen gibt es in Rios Bussen nämlich keine.

Warte mal. Das kenne ich doch irgendwo her!

Na klar, in Japan läuft es genauso ab. Fährt man dort in der U-Bahn oder in Bussen, so schlafen die meisten ein, sobald sie sich setzen, wachen aber pünktlich wieder auf, wenn sie aussteigen müssen. Dieses lustige Phänomen konnte ich im vergangenen Jahr beobachten, als ich eine Zeitlang in Tokyo gelebt habe. Doch dass mir das auch noch mal in Rio de Janeiro unter die Augen gerät, hätte ich mir nicht träumen lassen. (Vielleicht aber träumen ja die schlummernden brasilianischen und japanischen Nutzer der öffentlichen Verkehrsmittel über die gleichen Dinge?!) Trotz dieser offensichtlichen Gemeinsamkeit der beiden Nationen im effektiven Ausnutzen zur Verfügung stehender Schlafmöglichkeiten gibt es, zumindest in meinen Augen, einen gravierenden Unterschied: In Brasilien würde ich mich das Schlafen in Bussen nicht trauen, da man doch öfters von Raubüberfällen in Bussen hört. Um die Sicherheit mache ich mir in Japan gar keine Sorgen, aber trotzdem würde ich den Minutenschlaf nicht wagen, denn ob ich rechtzeitig aufwachen würde, ist höchst fraglich.

Die Japaner brauchen vielleicht tatsächlich diesen kurzen, zusätzlichen Schlaf. Sie sind ja bekanntlich hartgesottene Arbeitnehmer, die sich mindestens zehn Stunden am Tag abrackern, oder noch länger bis in die Nacht hinein.  Geht man abends gegen 10 Uhr durch die Geschäftsviertel Tokyos, wo auch oft viele Bars und Restaurants sind, ist es wirklich erschreckend, wie viele Büros noch hellerleuchtet sind. Ob der Kurzzeitschlaf der Brasilianer in den Bussen aber auch auf eine so ausgestaltete Arbeitsmoral zurückzuführen ist, will ich mal nicht kommentieren...

Aber apropos Arbeit: Kommen wir zurück zu dem Kassierer im brasilianischen Bus, der tatsächlich nur dafür da ist, das Fahrgeld einzusammeln. In Brasilien gibt es viele solcher Mini-Jobs, deren Inhalt mitunter nur aus einem Handschlag besteht, wo wir Deutschen aber schon längst einen Automaten oder dergleichen installiert hätten, rational wie wir denken. Hier in Rio haben beispielsweise sehr viele Fahrstühle eine professionelle Stockwerks-Knopfdrück-Fachkraft. Und siehe da: In Japan gibt es sie ebenfalls, die kleinen, nicht immer allzu sinnvoll erscheinenden Mini-Mini-Jobs. An jeder Straßenecke gibt es Reinigungskräfte, die dafür sorgen, dass Japans Straßen wie abgeleckt aussehen (tun sie wirklich). Ihre brasilianischen Pendants gibt es auch zur Hauf, doch irgendwie bekommen sie das nicht so gut hin. Rio de Janeiro wirkt insgesamt doch relativ schmutzig.

Auch sehr amüsant: Gibt es in Japan mal eine Baustelle, lass sie auch klein und unbedeutend sein, so kann man sich sicher sein, dass rundherum mindestens vier Leute stehen (zusätzlich zu den ein, zwei Bauarbeitern), die die Autofahrer, aber auch vor allem die Fußgänger sicher um den Gefahrenpunkt herumführen. Danke, aber das hätte ich auch allein geschafft. Wollen die Regierungen auf diese Art und Weise womöglich auch die Arbeitslosenzahl drücken? Wer weiß. In Japan zumindest handelt es sich bei diesen Mini-Jobbern fast immer um ältere Menschen, die ihre kleinen Renten aufbessern wollen, weil sie sonst nicht über die Runden kommen würden.

Und schließlich sind die Lebensmittelpreise in beiden Ländern recht hoch. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ein Durchschnittsbrasilianer mit seinem geringen Lohn (aus einem oben erwähnten „Mini-Job“) sein Leben bestreitet. In Deutschland ist fast alles im normalen Supermarkt günstiger. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Das Preisniveau in Japan ist zugegebenermaßen noch höher. Für einen (einen!) Pfirsich muss man dort bis zu 13 Euro ausgeben. Diese grotesken Preise ziehen sich zwar nicht durch, doch ist eigentlich alles in Japan teuer, nicht nur die Lebensmittel. Da Japan aber ein Land mit wenigen Anbauflächen für Lebensmittel ist und somit alles (außer Reis) importieren muss, sind die hohen Preise vielleicht noch nachvollziehbar. Im Gegensatz dazu hat Brasilien eigentlich genug Flächen zum Lebensmittelanbau – doch die werden seit geraumer Zeit lieber für Zuckerrohr genutzt, aus dem dann „Biosprit“ produziert wird. Doch über dieses Thema könnte man einen eigenen Blogeintrag schreiben.

Soweit also meine soziokulturellen Erkenntnisse zu Gemeinsamkeiten zwischen Japan und Brasilien. Auf diesem Fundament könnte man ja neue Synergien und Kooperationen schaffen, um mal scheinheiligen Politikersprech zu gebrauchen. Wenn auch mit einem Augenzwinkern. Also: Força! がんばって!