Zwar kann Rio nicht mit riesigen Leuchtreklamen aufwarten wie die Metropolen Tokyo oder New York. Dennoch ist die Stadt bei Nacht hell erleuchtet – außer der Strom fällt aus. Ein Erlebnisbericht.

Eine bekannte Streichholzmarke in Brasilien heißt „Fiat Lux“, nach dem bekannten Bibelzitat „Und es ward Licht“. Dass diese Streichhölzer während meines Brasilienaufenthalts zu einem wichtigen Utensil werden sollten, hatte ich nicht geahnt.

Schon zweimal ist jetzt innerhalb von zwei Wochen in meinem Stadtteil der Strom ausgefallen. Das erste Mal hatte ich gar nicht mitbekommen, weil ich schon ins Traumreich entschwunden war: Dort hat man keine Probleme mit ausbleibendem Licht – man erträumt es sich einfach. Meine Vermieterin hat mir dann am nächsten Morgen davon berichtet.

Vor ein paar Tagen dann war ich allein zu Hause, kam gerade von der Arbeit heim, es war schon dunkel, gegen sechs Uhr. Ich setzte mich an meinen Laptop und wollte eigentlich mit meinem Freund skypen. Dann geschah es. Das Licht ging aus, mein Laptopbildschirm verdunkelte sich ebenfalls. Zuerst dachte ich, die Sicherung wäre rausgesprungen. Doch nach einem kurzen Blick aus dem Fenster wurde mir klar: Das ist ein Stromausfall. Das ganze Viertel lag im Dunkeln.
Aus Deutschland kenne ich das fast gar nicht. Ich erinnere mich an einen Stromausfall während eines Gewitters vor ein paar Jahren.

Doch hier in Brasilien geschieht das öfters, und zwar nicht nur in einem Stadtteil von Rio de Janeiro. Im November 2009 zum Beispiel fiel in den drei größten Städten Brasiliens – São Paulo, Rio de Janeiro und Belo Horizonte – und in den Gegenden drumherum der Strom aus. Mindestens 40 Millionen Menschen waren stundenlang ohne Strom. Von noch größerem Ausmaß war ein Stromausfall im Oktober 2012 im Nordosten Brasiliens. Damals waren insgesamt 53 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer betroffen. Und kleinere Stromausfälle gibt es sowieso alle Nase lang. Die Strominfrastruktur in Brasilien lässt anscheinend noch zu wünschen übrig.

Die Brasilianer sind das also gewohnt und horten einen großen Kerzenvorrat in ihren Häusern und Wohnungen. Eigentlich erstaunlich, dass es nicht öfters zu Großbränden kommt. Ich dagegen, als unwissender Gringo war vollkommen unvorbereitet, musste mich erst mal unbeholfen durch’s unbekannte Dunkel tasten. Wenn auch die Umgebung ohne Licht ist, ist es wirklich pickeduster innerhalb einer Wohnung!  Man kennt das heutzutage gar nicht mehr. Leider konnte ich auch nicht einen von Lichtverschmutzung nunmehr unbeeinträchtigten Sternenhimmel genießen, da eben nur mein Stadtteil vom Stromausfall betroffen. Rundherum konnten die Menschen weiterhin Fernsehen gucken, Essen in Mirkrowellen warmmachen und bei Glühbirnenlicht Briefe schreiben (wer macht das heute schon noch?).

Nein, aber mal ernsthaft. Ich wusste wirklich nicht, was ich tun sollte. Ohne Kerzen, ohne Notstromaggregat, ohne Notlicht. Sollte ich mich ins Bett legen und über die drängenden Probleme dieser Welt grübeln? Das wäre natürlich gar keine so schlechte Möglichkeit gewesen. Doch ich löste dann zunächst mein Stromproblem auf die naheliegendste Art und Weise. Ich ging zur Nachbarin und bat sie um eine Kerze. Mit den schon erwähnten Streichhölzern zündete ich das kleine Kerzlein an. Hach, wie romantisch! Ich nahm mir meinen derzeitigen Schmöker zur Hand  (Heinrich Manns „Der Untertan“; sehr empfehlenswert aber sehr deutsch und damit sehr unbrasilianisch – mein aktuelles Kontrastprogramm zu meinem Aufenthaltsort) und genoss das Ambiente, das ganz neue Lebens- und Lesegefühl. So mag es wohl vor hundert, hundertfünfzig Jahren den Leuten gegangen sein, bei Kerzenschein und Öllämpchen. Doch fiel mein sorgenvoller Blick immer wieder auf meine Kerze, die sich nach und nach dem Ende entgegenneigte, bis dann nur noch ein Stummel übrigblieb. Sollte ich nochmal zur Nachbarin gehen? Nein, das wäre unangebracht.

Doch dann! Es ward Licht. Die Glühlampe leuchtete wieder. Man hörte vereinzelte Freudenschreie in der Umgebung. Aber ich war ein bisschen traurig. Jetzt war dieses kleine Abenteuer in heimeliger Atmosphäre auch schon wieder vorbei. Doch der nächste Stromausfall kommt bestimmt.