Menschen mit außergewöhnlichen Hobbys haben es nicht immer leicht. Ich sammle Landkarten, und zwar spezielle, topografische Karten, am liebsten im Maßstab 1:25.000. Doch diese in Rio zu bekommen ist ein ganz schöner Akt.

 

In Deutschland bekommt man topografische Landkarten in jeder gut sortierten Buchhandlung. Sie werden von den Landesvermessungsämtern hergestellt und auch regelmäßig aktualisiert. Das dieser Luxus nicht weltweit anzutreffen ist, habe ich selbstredend vor meiner Einkaufstour gut recherchiert. In anderen Ländern habe ich das auch schon getan. In Portugal zum Beispiel muss man sich zum geografischen Institut des Militärs begeben, um die schönen topografischen Landkarten käuflich zu erwerben. Nur als Info für jene, bei denen der Geografieunterricht schon etwas länger her ist: „Topografisch“ bedeutet, dass auch Höhenlinien angegeben werden. Je nach Maßstab werden sogar einzelne Häuser eingezeichnet. Der Maßstab 1:25.000 bedeutet, dass ein Zentimeter auf der Karte 250 Metern in der Realität entspricht.

 

Auf der Internetseite des Brasilianischen Geografischen Institut (IBGE) konnte ich schon mal herausfinden, dass es topografische Karten von Brasilien überhaupt gibt. Dort waren dann auch Läden angegeben, wo man angeblich Produkte des IBGE erhalten kann. Also machte ich mich auf ins Stadtzentrum von Rio und ging zum ersten angegebenen Geschäft, einer schönen, auf antik gemachten Buchhandlung. Aber Fehlanzeige: Dort gab es nicht mal die Schulatlanten, die das IBGE. Also setzte ich meine Suche fort. Doch auch bei den weiteren Geschäften hatte ich keinen Erfolg. Eine nette Verkäuferin gab sich gar die Mühe, bei anderen Buchhandlungen anzurufen und nachzufragen. Außerdem schrieb sie mir die Adressen von zwei Läden auf, die sich angeblich auf Landkarten spezialisiert haben. Doch die letzteren existierten nicht mal mehr.

Ich war schon auf dem Nachhauseweg, als ich doch noch mal mein Glück versuchen wollte. Meine letzte Chance war die Bücherei der Getúlio-Vargas-Stiftung. Getúlio Vargas war in den 30er Jahren Präsident Brasilien, aber ein recht autoritärer, wenn er das Land auch zugegebenermaßen nach vorn gebracht hat und das Frauenwahlrecht eingeführt hat (die Wahlen waren natürlich trotzdem gefälscht…). Auf jeden Fall wird dieser Herr in Brasilien verehrt, mit Statuen, Gedenkstätten, und eben dieser Stiftung, die viel Wissenschaftliches publiziert. Doch auch in deren Buchhandlung waren keine topografischen Karten in Sicht.
Doch eingefleischte Sammler geben nicht auf. Auch war ich etwas wütend auf das IBGE. Nirgends gab es deren Produkte, obwohl es im Internet so aufgeführt war! Ich setzte mich in die Metro und fuhr zur Zentrale des geografischen Instituts, welches in der Nähe des Maracanã-Stadions liegt und wollte mich höchstpersönlich beschweren.

Aber welch eine Freude! Dort nahm man den seltsamen Gringo mit in einen Saal voller topografischer Landkarten und die nette Angestellte hatte sogar offenbar Mitleid mit mir. Ich durfte mir aus einem Stapel alter Karten ein paar aussuchen und mit nach Hause nehmen. Geschenkt. Hat es sich also doch gelohnt, hartnäckig zu bleiben, auch wenn ich eigentlich nur einen Vormittag mit meiner Landkartensuche zubringen wollte und jetzt schon sechs Stunden abgehetzt in der Stadt unterwegs war. Allerdings wollte ich ja auch gerne eine Karte von Rio de Janeiro selbst haben. Mit seinen Hügeln, Bergen, Inseln und der Guanabara-Bucht muss die Karte wunderschön sein.

Für die Region Rio sind wir nicht zuständig, versetzte die Angestellte, da musst du zum kartografischen Institut der brasilianischen Armee. Meine Güte, die Brasilianer machen es einem landkartenverrückten Gringo fürwahr nicht einfach! Also nahm ich die U-Bahn zurück in die Stadtmitte, krackselte einen Hügel hinauf zu dem mir angewiesenem Militärstützpunkt hinauf (dieser Hügel ist ohne Zweifel auf der topografischen Karte von Rio de Janeiro eingezeichnet). Und: nichts.
Ein junger Gefreiter schaute mich am Eingangstor verwundert an, seine Kollegen hatten im Hintergrund ihren Spaß. „Die arbeiten nur bis 12 Uhr mittags.“ Ich schaute auf die Uhr: Halb vier. Schlimmer als jede deutsche Behörde! Und es war nicht mal Freitag.

So schlenderte ich dann recht niedergeschlagen den Hügel wieder hinunter, im Rücken das Gelächter der jungen, brasilianischen Soldaten. Ich war für sie mit Sicherheit der seltsamste Gringo seit langem. Aber davon lasse ich mich nicht abschrecken.

Es stellte sich letzten Endes heraus, dass es noch schwieriger ist, beim brasilianischen Militär eine Landkarte käuflich zu erstehen. Man braucht eine brasilianische Steuernummer (die zu bekommen, ist eine weitere Odyssee durch die brasilianische Bürokratie…), es wird eine Personenprüfung durchgeführt, man muss das Geld überweisen, dann muss man warten, bis jemand merkt, dass das Geld eingegangen ist, dann muss die Karte erst mal gedruckt werden, dann muss man sie abholen. Haben die etwa Angst, dass ich die Karte auch für militärische Zwecke benutze und Geheimdaten an das deutsche Verteidigungsministerium weitergebe?! Ich freue mich schon auf Deutschland, wo ich einfach in eine Buchhandlung gehe, ins Regal greife und meine topografische Karte an der Kasse bezahle. Eine Sache von fünf Minuten.

Das Ende meiner topografischen Odyssee hier in Brasilien ist dagegen noch nicht in Sicht. Es kann sich nur um Wochen handeln.