Schwester Henriqueta Cavalcante aus BelémNachfolgend Auszüge aus einem Interview mit Schwester Henriqueta Cavalcante aus Belém, die wir persönlich kennen und in ihrer so wichtigen Arbeit unterstützen.
Wir danken Udo Lohoff für seine Unterstützung. Er hat das Interview aus Jornal „O Sao Paulo“ vom 25.02.2014 übersetzt.

„Es reicht nicht, den Menschenhandel zu bekämpfen ohne die Armut zu bekämpfen.“

Eine Ordensfrau, die sich gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen einsetzt spricht über die Bedeutung der „Kampagne der Geschwisterlichkeit 2014“ der Brasilianischen Bischofskonferenz.

“Wir sollten uns von keiner Art der Kriminalisierung abschrecken lassen. Wir müssen unseren Kopf hochhalten und uns bewusst sein, dass jedes Leben zu kostbar ist, um es zu verletzen.“ Das Interview wurde per Telefon geführt. Bevor jedoch das Interview gemacht werden konnte, über das Handy von Schwester Henriqueta, die im Bundesstaat Pará lebt, musste ihr zunächst eine SMS geschickt werden, um die Bedeutung des Interviews zu erklären. Erst als die Schwester zustimmte, konnte das Gespräch stattfinden.

Schwester Henriqueta ist vorsichtig geworden. Als Mitarbeiterin in der Kommission für Gerechtigkeit und Frieden der brasilianischen Bischofskonferenz ist die Schwester schon häufig Opfer von Verleumdungen und Todesdrohungen geworden. Deshalb die Sorge bei unbekannten Telefonnummern.

Schwester Henriqueta kämpft gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, und damit auch gleichzeitig gegen den Menschenhandel. Sie verschweigt nicht ihre große Freude über die Kampagne in ganz Brasilien in diesem Jahr: „Fraternidade e Tráfico Humano (Geschwisterlichkeit und Menschenhandel)“, “ich bin zuversichtlich, dass durch die Kampagne diese Verbrechen mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken und die Zahl der Opfer dadurch abnimmt.”Die Ordensschwester gibt aber zu bedenken, „dass die Kirche und die Kampagne darauf achten muss, dass man diese schlimme Situation anzuklagen hat, aber den Menschenhandel nur bekämpfen kann, wenn man auch die Armut, die wirtschaftliche und kulturelle Ungleichheit, wie sie in unseren Gegenden vorherrscht, bekämpft“.

Henriqueta spricht über die Existenz von Dokumenten und Gesetzen im Kampf gegen den Menschenhandel, wie z.B. den „Nationalplan im Kampf gegen Menschenhandel“, deren Umsetzung aber immer noch eine große Herausforderung darstellt. Für sie hat keine der zuständigen Behörden, sei es auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene jemals „die notwendige und angemessene Aufmerksamkeit dem Schutz der Menschen geschenkt, die Opfer von Menschenhändlern geworden sind“.

“Dabei dürfen wir nicht nur an die Bekämpfung solcher Verbrechen denken, sondern auch daran, wie man Opfer unterstützen kann, die sich aus den Fängen des Menschenhandels befreit haben.
Wir müssen Maßnahmen entwickeln, die im Vorfeld greifen, und daher ist es notwendig größere Strukturen aufzubauen, die qualifiziert und umfassend daran arbeiten können“, fordert die Schwester.

“Es gibt einen typischen Fall von einem Mädchen, das nach Spanien verkauft wurde und völlig zerstört zurückkehrte. Ihr Blick, ihre Sprache, alles wirkt verstört und nun leidet sie unter einer fortgeschrittenen Schizophrenie. Sie hat den Sinn ihres Lebens, ihrer Existenz verloren. Und das macht mich so wütend gemacht. Aber noch schlimmer, sie hat keine Kraft und auch kein Verständnis dafür, die Schuldigen zu benennen oder jetzt auch nur zu erkennen, dass sie Opfer eines Menschenhändlerrings geworden ist. Die Verantwortlichen für diese Verbrechen sind auf freiem Fuß und die Opfer sind in ihrem Elend von Seiten der Behörden alleingelassen. Der Staat kümmert sich nicht um eine minimale Rückgewinnung der psychischen Gesundheit und um etwas mehr Lebensqualität“, sagt die Ordensschwester, als sie tiefbetroffen von diesem prägenden Erlebnis berichtet.

Schwester Henriqueta klagt die mangelnden Grenzkontrollen in Brasilien an. „Da kommen ungehindert Menschen aus Bolivien, Venezuela, Paraguay und Haiti, die Opfer von Menschenhändlern wurden und nun als Arbeitersklaven, als Prostituierte und sogar als Bettler arbeiten müssen.“ Die Bundesstaaten, wo die meisten der Opfer in Brasilien landen, sind nach Angaben der Schwester u.a. São Paulo, Acre, Amazonas und Pará.