SB: Gehen Sie davon aus, dass das zivile Atomprogramm Brasiliens betrieben wird, um die Schwelle des Breakouts zu erreichen?
 
SD: Ja, genau. Kehren wir noch einmal zu unseren Möglichkeiten zurück: Dilma Rousseff hat ebenfalls als Ministerin für Bergbau und Energie ein Gutachten zur potenziellen Nutzung der Windenergie Brasiliens erstellen lassen. Einbezogen waren sämtliche Bundesstaaten. Es wurde eine veraltete Bewertungsmethode verwendet, nach der Brasilien ein Windenergiepotenzial von 80.000 Megawatt hat. Das ist etwas weniger als unser gegenwärtiger Gesamtenergieverbrauch. Brasilien hat bereits jetzt die Fähigkeit, 120.000 Megawatt Energie zu produzieren, und wir verbrauchen gegenwärtig knapp 90.000 Megawatt. Es gibt also noch reichlich Kapazität, um zu wachsen, ohne dass das Risiko von Stromabschaltungen besteht.
 
Es sind zur Zeit einige größere Wasserkraftwerke im Bau. Die sind vielleicht kontrovers, da sie im Amazonas-Regenwald gebaut werden und die indigene Bevölkerung betreffen, worüber man diskutieren kann. Aber ungeachtet dessen gibt es noch viel Raum für Biogas, Wind, solarthermische Kraftwerke - nicht für Solar-Paneele, es existieren in Brasilien bereits viele kleine und mittlere Unternehmen, die Solarzellen produzieren -, um Wasser zu erhitzen. Das größte Problem auf diesem Gebiet besteht darin, dass das Stromnetz dafür ausgelegt sein muss, wenn all die elektrisch betriebenen Duschen um 18.00 Uhr angeschaltet werden. Das ist der Zeitpunkt, an dem die Brasilianer gewöhnlich nach Hause kommen und sich heiß duschen wollen. Wenn man diese elektrischen Duschen abschaffen würde, lebten die Menschen viel sicherer. Und man hat viel Zeit, Alternativen zu entwickeln.
 
Allmählich gewinnt in Brasilien auch die Windenergie an Bedeutung. Sie hat noch einen Anteil von unter einem Prozent an der gesamten erzeugten Strommenge, aber es gibt eine Vielzahl von Investoren, und es werden immer mehr Windräder aufgestellt. Auch Biogas ist wichtig. Es existiert eine starke Ethanolindustrie, und wir haben die Biomasse aus der Ethanolproduktion. Die Biomasse kann in Kraftwerken verbrannt werden, um Hitze zu erzeugen, welche die Destillerie benötigt, um den Alkohol und hinterher auch die Elektrizität herzustellen. Also ein doppelter Nutzen.
 
SB: Eine Frage zum Abschluss: Wie sind Sie dazu gekommen, sich der Anti-Atomkraftbewegung anzuschließen?
 
SD: Als ich vierzehn war - ich bin heute 52 - wurde als Bestandteil der deutsch-brasilianischen Abkommen zu Nuklearfragen ein Handelsvertrag abgeschlossen, der den Bau von acht Kernkraftwerken vorsah. Zu denen zählten Angra 2 und Angra 3. Die übrigen sechs Reaktoren hätten in meiner Heimatregion, dem Bundesstaat São Paulo, gebaut werden sollen. Dort gibt es heute das größte und besterhaltene Gebiet mit atlantischen Regenwald, der artenreichsten Region im Land. Es sollten also im Rahmen der deutsch-brasilianischen Nuklearabkommen sechs Kernreaktoren errichtet werden. Aber wir haben dagegen gekämpft und gewonnen. Das Projekt wurde nicht fortgesetzt, sie strichen ihre Pläne, dort Reaktoren zu bauen. Seitdem kämpfe ich gegen die Kernreaktoren in Brasilien und gegen die gesamte Nuklearindustrie - aber nicht nur in Brasilien. Wir sind gegen Kernkraftwerke auf der ganzen Welt, auch in Europa.
 
SB: Herr Dialetachi, herzlichen Dank für das Gespräch. [INTERVIEW/001]

 
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INTERVIEW/001: Sérgio Dialetachi, brasilianischer Energieexperte,
zum Bau des Akw Angra 3 (SB)
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