Ein weiteres Problem: Die ganze Nuklearwirtschaft wird in einem unsicheren Umfeld betrieben. Beispielsweise liegt für Angra 2 keine ordnungsgemäße Betriebsgenehmigung vor. Das Atomkraftwerk wurde die ganze Zeit mit einer provisorischen Genehmigung betrieben. Die sollte nicht mehr als einmal verlängert werden, doch wurde sie Jahr für Jahr auf illegale Weise erneuert. Das gleiche geschah in der Bergbauregion von Bahia. Der Minenbetreiber dort steht im Bundesstaat Bahia, was gerichtliche Klagen betrifft, einsam an der Spitze. Kein anderes Unternehmen hat so viele Klagen auf sich gezogen.
 
Wir hegen den Verdacht, dass einige Stellen radioaktiv verseucht sind und Arbeiter kontaminiert wurden. Darüber hinaus haben wir festgestellt, dass in einigen Gebieten das Grundwasser und das Erdreich radioaktiv belastet sind. Das wurde von unabhängigen Instituten wie zum Beispiel Universitäten bestätigt. In Brasilien gibt es also viele Probleme. Beispielsweise wird Yellow Cake zwecks Anreicherung nach Kanada gebracht und auch zu Urenco in Europa. Es wird durch Salvador transportiert, eine Stadt mit zweieinhalb Millionen Einwohnern. Das wäre so, als wenn man mit einer Ladung radioaktiven Materials quer durch Berlin fahren würde.
 
SB: Die brasilianische Regierung begründet den Weiterbau von Angra 3 mit der Notwendigkeit, die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte des Landes fortsetzen zu wollen. Was halten Sie von dem Argument und welche alternativen Energiequellen schlagen Sie vor?
 
SD: Nun, sprechen wir über die Notwendigkeit von Angra 3 und das Nuklearprogramm. Unserer Meinung nach handelt es sich um ein Projekt der Hegemonie. Man will Stärke demonstrieren. Angra 3 wird nur gebaut, um den Umfang der künftigen brasilianischen Industrie zu rechtfertigen. Um die Expansion des Bergbaus zu begründen, wird eine Fabrik für Ultrazentrifugen, wird eine Anreicherungsanlage, errichtet. Für brasilianische Verhältnisse ist das eine riesige Investition. Um das alles zu rechtfertigen, setzt man bestimmte Dimensionen voraus. Wenn es hingegen nur um die Belieferung von zwei Kernreaktoren mit Brennstoff ginge, bräuchten wir diese ganze nukleare Infrastruktur in Brasilien nicht. Wir könnten so fortfahren wie bisher und unser Uran exportieren.
 
Es geht hier jedoch um Stärke, um das Ringen nach Macht, verbunden mit der Frage nach einem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Es ist somit eigentlich ein regional-hegemonisches Projekt. Man will zeigen, dass Brasilien eine Führungsmacht und ein Schwergewicht ist. Nicht um die Bombe zu bauen, aber um nahe an die dafür erforderliche Technologie heranzukommen. Ich möchte Ihnen noch etwas sagen: Der heutige Präsident von Elektronuclear, Admiral Othon Luiz Pinheiro da Silva, war der Vater unseres geheimen militärischen Nuklearprogramms während der Militärdiktatur. Er ist derjenige, der die Bombe in Brasilien entwickelt hat. Er hat das Testgebiet im Bundesstaat Pará aufgebaut - der Skandal wurde vor 20 Jahren entdeckt. Nun leitet er die beiden Atomkraftwerke in Angra dos Reis.
 
Hinter der gesamten Forschung auf diesem Gebiet steckt die brasilianische Marine, sie hat auch den Anreicherungsprozess entwickelt. Gegenwärtig betreibt sie keinen Reaktor, doch nach Angra 3 hatte sie den Bau von acht weiteren Reaktoren geplant. Die Marine hat die neuen Reaktoren entwickelt, sie steckt hinter der Nuklearforschung, nicht die Universitäten, nicht zivile Einrichtungen. Und erneut haben wir es mit einem Mangel an Transparenz und Geheimhaltung zu tun, wie man es von der Nuklearindustrie überall auf der ganzen Welt kennt.
 
Um noch einmal darauf zurückzukommen, warum ich es als ein hegemonisches Projekt bezeichne: Das lässt sich auch daran ablesen, dass die heutige Präsidentin Brasiliens, Dilma Rousseff, als Ministerin für Bergbau und Energie während des Weltsozialforums 2005 in Porto Allegre eine öffentliche Rede hielt, in der sie erklärte, dass, wenn wir ein neues Kernkraftwerk in Brasilien bauen, denn nicht der Energiegewinnung wegen. Das können Sie verstehen, wie Sie wollen, aber ich ziehe es vor, das so zu verstehen, dass bestimmte Kräfte hierzulande über sensitive Technologie verfügen wollen, um davon Gebrauch zu machen und mit ihr als Faustpfand mit dem Rest der Welt in Verhandlungen zu treten.