SB: Vor dem Unfall in Fukushima behauptete Ihr früherer Präsident Lula da Silva, in Brasilien werde es niemals einen Unfall wie in Tschernobyl geben. Beharrt er noch immer auf seiner Meinung?
 
SD: Wir hatten einige Atomkraftwerksunfälle. So wurden im vergangenen Jahr sechs Arbeiter im Innern eines Reaktorgebäudes verstrahlt. Es handelte sich nicht um technisches Personal, sondern um geringbezahlte Personen, die beim Putzen im Reaktorgebäude aufgrund einer Art Bedienfehler kontaminiert wurden. Die Strahlendosis war zwar gering, aber das Beispiel zeigt, dass es Probleme gibt. Ich erinnere mich, dass in den neunziger Jahren Angra 1 aufgrund einer richterlicher Anweisung wegen mangelhafter Sicherheitmaßnahmen für ein ganzes Jahr nicht laufen durfte.
 
Unsere Hauptbefürchtung ist nicht, dass der Angra-Standort durch Erdbeben zerstört wird, denn die gibt es in Brasilien nicht, oder durch einen Tsunami. Aber wir sorgen uns wegen der schweren Regenfälle, weil das Gelände bereits zweimal von Überschwemmungen betroffen war. Und die Straßen, die für den Fall einer Evakuierung gebraucht würden - beispielsweise Rio-santos, die Straße, die nach Rio de Janeiro City führt -, sie war im Januar sechs Mal blockiert und jedes Mal für zwei oder drei Tage. Stellen Sie sich vor, sie haben einen Unfall oder eine Notfallsituation während des Sommers im Januar, wenn sich abgesehen von den 150.000 Einwohnern weitere 400.000 Touristen in der Gegend aufhalten. Die ist ein Touristenziel mit vielen Ferieneinrichtungen, großen Hotels und dreihundert Inseln rundherum. Selbst wenn als Antwort auf unsere Aktionen hier in Deutschland die Straße verbreitert wird, wäre es immer noch sehr schwierig, unverzüglich jeden Einwohner und Touristen zu mobilisieren und die Stadt innerhalb weniger Stunden zu evakuieren.
 
SB: Wie einflussreich ist die Anti-Atombewegung in Brasilien, kann man sie mit den europäischen vergleichen?
 
SD: Nein, das würde ich nicht sagen. Man darf sich nichts vormachen, in Brasilien herrscht gewissermaßen ein Mangel an Kritikbereitschaft vor. Die Brasilianer träumen zur Zeit davon, dass es dem Land besser geht mit einer starken Wirtschaft, jeder oder jede erhält Geld, die Wirtschaft floriert, das Land entwickelt sich. Die Brasilianer sind zur Zeit ein wenig abgehoben beziehungsweise auf die Probleme, die auf sie zukommen, nicht ansprechbar.
 
Aber nach Fukushima kam es zu einem Wiedererstarken der Anti-Atombewegung. Wie ich schon sagte, sprach Fernando Henrique Cardoso von seiner Sorge, Abgeordnete brachten Gesetzesvorschläge ein, und ich habe den Eindruck, dass auch die Presse das Thema inzwischen anders behandelt. Es gibt ein Wiedererstarken, aber derzeit kann in Brasilien für überhaupt kein Thema mobilisiert werden, nicht einmal für Gesundheit, Bildung, Sicherheit im Straßenverkehr oder gegen Gewalt. Im Augenblick wäre es in Brasilien schwierig, Tausende von Teilnehmern für eine Demonstration zusammenzubekommen.
 
Aber im vergangenen Monat kam es in der kleinen Stadt Caetité im Zentrum des Bundesstaats Bahia, dem Standort einer Uranmine, zu einer beispiellosen Demonstration von Bauern. Die einfachen Leute aus dem gesamten Bergbaugebiet kamen zusammen und begaben sich zu der Straße, welche die Stadt mit der Landeshauptstadt Salvador verbindet und blockierten sie. Dadurch wurde ein Atommüllkonvoi aufgehalten, der sich auf dem Weg zur Mine befand. Das bedeutet, dass radioaktives Material von anderen Bundesstaaten in die Bergbauregion gebracht wird, um es dort zu lagern. Die Bauern versammelten sich also auf der Straße und blockierten sie für drei oder vier Tage, bis sie mit dem Betreiber der Mine eine Einigung erzielten. Nun hat selbst unsere nationale Umweltbehörde eine Klage gegen den Betreiber eingereicht, da dieser, wie die Kläger behaupten, nicht die Bedingungen der Einigung erfüllt hat.