Wie Sie vielleicht wissen, steht BNDES unter gehörigem Druck wegen ihrer Beteiligung an einigen trickreichen Geschäften mit Supermärkten, beispielsweise mit Carrefour, das eine Supermarktkette in Brasilien übernehmen will. Zudem ist BNDES unter Druck geraten, weil die Öffentlichkeit keine gute Meinung davon hat, wie die Bank mit Steuergeldern umgeht und worin sie investiert. BNDES finanziert auch schmutzige Projekte in Afrika und anderen lateinamerikanischen Ländern, Projekte, die in Brasilien wegen der gesetzlichen Bestimmungen niemals finanziert würden. Die Bank tätigt also Geschäfte im Ausland, die wir hier bei uns nicht haben wollen! Das erinnert an unsere Klagen über das, was die Weltbank mit uns gemacht hat. Und nun betreiben wir die gleichen üblichen Geschäfte mit anderen Ländern: Nur nach Profiten streben, ohne sich beispielsweise um Umwelt- oder soziale Standards zu scheren.
 
SB: Sie verwiesen bei der Frage der Finanzierung von Angra 3 auf die Hermes-Bürgschaften. Hat die deutsche Bundesregierung in irgendeiner Weise auf die Proteste Ihrer Kampagne reagiert?
 
SD: Wir haben unter anderem mit einigen Vertretern auf mittlerer Ebene des Bundeswirtschaftsministerium gesprochen. Dabei habe ich den Eindruck gewonnen, dass sie unseren Forderungen gegenüber sehr aufgeschlossen sind. Man muss begreifen, dass es Probleme beim Bau von Angra 3 geben wird. Beispielsweise hat am vergangenen Dienstag die nationale brasilianische Anwaltsvereinigung OAB - Ordem dos Advogados do Brasil -, die über großen Einfluss verfügt und an den bedeutendsten politischen Momenten unserer jüngeren Geschichte beteiligt war, das Oberste Gericht aufgefordert, den Bau von Angra 3 zu stoppen. Begründet wurde die Klage damit, dass das Projekt nicht auf das Jahr 1975 als Anlage von Electronuclear zurückgeht, sondern dass es vor mehr als 20 Jahren endete und deshalb inzwischen den Bestimmungen der 1988 beschlossenen Verfassung unterworfen ist. Die verlangt, dass in Brasilien jedes einzelne Nuklearprojekt vom Nationalkongress abgesegnet werden muss.
 
SB: Okay.
 
SD: Falls das Oberste Gericht der Klage stattgibt, bedeutet das, dass allein für die parlamentarischen Debatten weitere zwei bis drei Jahre verstreichen werden. Es wird also Verzögerungen geben. Ich erinnere mich, dass für die Fertigstellung von Angra 2, das exakt das gleiche Modell wie Angra 3 ist, rund zwanzig Jahre gebraucht wurden. Es wird also Probleme geben, und vielleicht werden die Steuerzahler in Deutschland einen Teil der Rechnung bezahlen.
 
SB: Welche Unternehmen sind hauptsächlich am Bau von Angra 3 beteiligt?
 
SD: Im wesentlichen ist das ein deutsches Unternehmen, Siemens, mittels Areva. Offiziell behaupten alle, Siemens sei nicht mehr daran beteiligt, aber etwas anderes sagt der Direktor Arevas in Rio de Janeiro, der Deutsche Johannes Höbart, der für Siemens arbeitet. Ihn habe ich viele Male bei Diskussionen über die Förderung von Nuklearenergie in Brasilien getroffen.
 
SB: Wie steht die brasilianische Öffentlichkeit zur Atomenergie? Hat sich die Einstellung nach dem Nuklearunfall im japanischen Atomkraftwerk
 Fukushima Daiichi gewandelt?
 
SD: Ja. Es wurde eine weltweite Meinungsumfrage durchgeführt von Global Wing, das ist ein Zusammenschluss von Meinungsforschungsinstituten wie Gallup, Ernst & Young und anderen. An der Umfrage nahmen Institute aus 47 Ländern teil. In allen wurden die gleichen Fragen gestellt. In Brasilien sprachen sich 54 Prozent der Befragten gegen die Nutzung der Nuklearenergie aus. Das bedeutet, dass selbst die bestehenden Atomkraftwerke geschlossen werden müssen. Die Menschen wollen kein einziges Kernkraftwerk in Brasilien. 57 Prozent der Brasilianer machen sich Sorgen darüber, dass es am Nuklearstandort in Angra dos Reis zu einem Unfall kommen könnte. 41 Prozent unserer Bevölkerung haben kein Vertrauen in die Sicherheitsmaßnahmen, die von den offiziellen Institutionen ergriffen wurden.