Wir haben drei Hauptprobleme mit Angra 3. Das erste betrifft den radioaktiven Abfall, für den es in Brasilien keine Lösung gibt. Es existiert hier nicht einmal ein Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente. Die werden zur Zeit in Becken innerhalb des Reaktorkomplexes untergebracht und erreichen ihre Füllgrenze. Das Problem kommt also in Zukunft auf uns zu. Zudem liegt kein offizieller Endlagerplan vor. Es wird zwar behauptet, dass ein nukleares Endlager gebaut werden soll, aber bis heute wird weder über Genehmigungen verhandelt noch sind der Öffentlichkeit Namen des geplanten Endlagerstandorts noch irgendwelche geologischen Erkundungen bekannt. Auch wurden keine öffentlichen Anhörungen durchgeführt - nichts dergleichen, bis heute nicht. Es würde somit viele Jahre dauern, um das Problem zu lösen.
 
SB: Ja.
 
SD: Das zweite Problem betrifft die Finanzierung von Angra 3. Die jüngste Kostenabschätzung, die im April veröffentlicht wurde, lautet, dass das Kraftwerk zehn Milliarden Reais, das sind rund 4,7 Milliarden Euro, kosten wird. Unserer nationalen Entwicklungsbank, der BNDES, wurde gestattet, einen Teil davon zu finanzieren - ich glaube, es sind 4,3 Milliarden Reais, also knapp 1,7 Milliarden Euro -, und wir haben natürlich herauszufinden versucht, woher der Rest der Gelder stammen soll.
 
Es gibt ein innerbrasilianisches Ringen um Gelder zwischen der BNDES, privaten Initiativen und privaten Banken. Sie alle sind an der Fußball-Weltmeisterschaft, den Olympischen Spielen und der Infrastruktur für die Agrarwirtschaft beteiligt. Brasilien hat das wirklich dringende Problem, Straßen, Häfen und Flughäfen für die Agrowirtschaft zu bauen, das hat Priorität. Deshalb muss das Geld für Angra 3 von außerhalb kommen. Da gibt es nun Paribas sowie Société Générale in Frankreich. Beide warten auf die deutsche Position hinsichtlich der Hermes-Bürgschaften und wollen wissen, wie die Deutschen mit Kernkraftwerken außerhalb ihrer Landesgrenzen umgehen werden.
 
SB: Ja.
 
SD: Das dritte Problem betrifft die Evakuierungsmaßnahmen, den Notfallplan. Es ist schwer zu verstehen, wie allein in Angra dos Reis 150.000 Einwohner evakuiert werden sollen. Von den anderen Städten in der Umgebung ganz zu schweigen. Der aktuelle Evakuierungsplan Brasiliens gilt nur für einen Umkreis von fünf Kilometern um den Standort herum. Eigentlich betrifft er nur das Dorf, in dem die Kernenergieingenieure wohnen. Sie evakuieren also faktisch nur ihre eigenen Leute.
 
SB: Das ist deutlich.
 
SD: Aber inzwischen hat sich unsere Situation in Brasilien erheblich verbessert. So hat vergangene Woche der frühere brasilianische Präsident Fernando Henrique Cardoso an seinem achtzigsten Geburtstag eine Rede gehalten und auf die Frage, was zu seinen größten Sorgen um das Land zähle, geantwortet, dass ohne eine breite Zustimmung so viel Geld in den Bau von Angra 3 gesteckt wird. Es wurden zwar Anhörungen abgehalten, aber die fanden in kleinen Dörfern mit rund hundert Fischern statt und ähnliche Dinge mehr. Er forderte eine breitere Diskussion über das Nuklearprogramm.
 
Nach der Zeit der Militärdiktatur wurde eine Bilanz der Auslandsschulden Brasiliens aufgestellt. Ein Drittel entfiel auf die Nuklearenergie. Und wo wir schon beim Thema Schulden sind: Die größte Tageszeitung, Folha de São Paulo, brachte am Sonntag die Schlagzeile, dass unsere Auslandsschulden in den letzten beiden Jahren um 43 Prozent gestiegen sind! Angesichts solcher Zahlen dürfte es ebenfalls schwierig werden, im Ausland Finanzmittel aufzutreiben.