Rio de Janeiro - Die Mitglieder der Drogenbanden "Comando Vermelho" (Rotes Kommando) und "Amigos dos Amigos" (Freunde der Freunde) sind Todfeinde. Die Claims in vielen Favelas, den Armenvierteln von Rio de Janeiro, sind abgesteckt.

Wer sich dennoch vorwagt in das Territorium des anderen, ist lebensmüde. Selbst die Polizei traut sich nur mit schwerstem Gerät in einige Favelas, wo "Soldaten" der Gangs am helllichten Tage mit Maschinenpistolen auf den Straßen patrouillieren. Am Wochenende kam es in Rio zu einem der blutigsten Bandenkriege seit langem - 14 Menschen verloren ihr Leben. Die "Cidade Maravilhosa", die Wunderbare Stadt, zeigte ihre Schattenseite.
Die genauen Hintergründe des Gewaltausbruchs sind noch nicht klar. Es scheint aber sicher, dass einige Mitglieder des "Comando Vermelho" aus der Favela "Morro São João" in der Nacht zum Samstag in die verfeindete Siedlung "Morro dos Macacos" eindrangen, um lukrative Drogenumschlagsplätze zu besetzen. Die Schießereien begannen bereits gegen 1 Uhr nachts und eskalierten im Laufe des Tages zu einer regelrechten Schlacht, bei der allein am Samstag zwölf Menschen starben. "Das waren die schlimmsten Angriffe seit Jahrzehnten", berichtete ein Anwohner lokalen Medien. Seinen Namen wollte er nicht nennen. "Ich darf nicht reden. Ich lebe hier, und die Leute werden hier gejagt." In verschiedenen Favelas gingen Busse in Flamen auf, ein Auto und Reifen wurden angezündet. Bilder wie aus einem Bürgerkrieg.
Die Polizei, die von dem Übergriff nach eigenen Angaben vorher wusste, griff erst am Tage ein. Ein Helikopter mit sechs Polizisten an Bord wurde beschossen. Die Maschine fing Feuer, konnte nur mit Mühe auf einem Fußballplatz notlanden. Nur vier Insassen gelang es, den Hubschrauber rechtzeitig zu verlassen. Für zwei 29 und 39 Jahre alte Polizisten kam jede Hilfe zu spät. "Sie machen ihr Theater und wir bezahlen es. Es gibt Mittel für die Fußball-WM und Olympia, aber nicht für die Ausstattung der Polizei. Wie kann man nur einen ungepanzerten Hubschrauber in ein Risikogebiet schicken", klagte die Tante eines der Opfer bei der Beerdigung.
Am Sonntag erschossen Sondereinheiten der Polizei in der einige Kilometer entfernten Favela Jacarezinho zwei mutmaßliche Drogendealer und beschlagnahmten 300 Kilogramm Marihuana. Dann wurden am selben Tag in einem Waldgebiet noch zwei Leichen entdeckt. Allerdings ist noch unklar, ob auch sie Opfer des Bandenkrieges wurden. Es war ein grausiges Wochenende, das Rio wieder einmal Negativschlagzeilen bescherte und das Image der frisch gekürten Olympia-Stadt beschädigte.
Zwar werden die Olympischen Spiele nicht in den Favelas ausgetragen, aber durch die geografischen Gegebenheiten in Rio liegen Arm und Reich oft dicht, sehr dicht beieinander. Berge auf der einen und der Atlantik auf der anderen Seite lassen nicht viel Platz zum Ausweichen. Favelas beginnen oft nur einen Steinwurf entfernt von sogenannten besseren Vierteln. Der "Morro dos Macacos", das Epizentrum der Schießereien vom Samstag, liegt ganz in der Nähe vom legendären Maracanã-Stadion, wo 2016 die Eröffnungsfeier der Olympiade stattfinden soll.
Mit seiner Wahl zur Olympiastadt steht Rio in den kommenden Jahren verstärkt unter internationaler Medien-Beobachtung. Die Regierung bemüht sich mit Millionen-Investitionen und einem ehrgeizigen Sicherheitskonzept, Armut und Gewalt in den Favelas einzudämmen. Bei der Olympiaentscheidung in Kopenhagen vor rund zwei Wochen garantierte Präsident Luiz Inácio Lula da Silva 2016 "sichere Spiele". Über Rio de Janeiro werde jetzt nicht mehr nur in den Polizeinachrichten berichtet, hoffte er. Das war zumindest am Wochenende nicht der Fall.

dpa, veröffentlicht am 19.10.2009