Niema Movassat über soziale Folgen von Weltmeisterschaft und Olympia im Ausrichterland Brasilien.

ND: Die Meldungen mehren sich: Bei vielen Bauprojekten im Vorfeld der WM kommt es zu Umsiedlungen und Enteignungen in Brasilien. Welche Erkenntnisse darüber konnten Sie bei ihrer Brasilien-Delegationsreise gewinnen?
Movassat: Die Vorbereitungen für die Durchführung der Fußball-WM haben bereits jetzt massiv negative Auswirkungen auf den armen Teil der Bevölkerung, der in informellen Siedlungen, den sogenannten Favelas, lebt. In São Paulo hatten wir dazu ein Gespräch mit Vertretern sozialer Bewegungen. Diese berichteten uns, dass alleine dort 200 000 Favela-Bewohner »umgesiedelt« werden sollen, um Platz zu schaffen für die nötige Infrastruktur. Dabei sei aber Umsiedlung eigentlich das falsche Wort, besser passe der Begriff »Armenbeseitigung«, da die Häuser der Menschen zerstört und sie auf die Straße gesetzt werden. São Paulo ist nur ein Beispiel, in Rio de Janeiro sind sogar 600 000, landesweit insgesamt 2 Millionen Menschen in verschiedenen Städten betroffen. Die ersten Räumungen hat es schon gegeben.

Wird es denn keine Entschädigungen für diejenigen geben, deren Häuser zerstört werden?
Soweit es überhaupt Entschädigungen geben wird, werden diese laut den Vertretern der sozialen Bewegungen nicht einmal reichen, um sich eine billige Wohnung in einer anderen Armensiedlung zu leisten.

Auf dem Papier ist die brasilianische Gesetzgebung eindeutig: Bei der Entwicklung und Durchführung großer Infrastrukturprojekte wie der WM 2014 oder Olympia 2016 muss die soziale und ökologische Verträglichkeit der Projekte geprüft werden. Zudem müssen die Betroffenen schon bei der Planung mit einbezogen werden. Werden diese Kriterien eingehalten?
Nein, sie werden definitiv nicht eingehalten. Gerade deshalb auch hat die UN-Sonderberichterstatterin für angemessenes Wohnen, Raquel Rolnik, die drohenden Menschenrechtsverletzungen, die aus dem Abriss der Wohnungen resultieren, schon im April 2011 verurteilt und sich vor allem darüber besorgt gezeigt, dass Transparenz, Beratung, Dialog, gerechte Verhandlung und Beteiligung der betroffenen Gemeinden fehlen.