Ein Jogger am Strand von Ipanema: Der tut was für seine schlanke Linie.In Brasilien sind sie Menschen wunderschön, schlank, durchtrainiert. Gerade an Rios Stränden sieht man viele perfekte Körper. Doch wie sieht es allgemein in Brasilien aus? Sind wirklich alle rank und schlank?

Als magrelo in Rio de Janeiro müsste ich mich eigentlich pudelwohl fühlen.  Ein schlanker Mensch unter vielen anderen Cariocas, die mit viel Schweiß und Anstrengung auf ihre Linie achten. An den Stränden der cidade maravilhosa, der wunderbaren Stadt, stehen alle paar hundert Meter Trimm-dich-Geräte, wo der sportbegeisterte Bewohner Rios Klimmzüge und Sit-ups machen kann. Und tatsächlich sieht man dort durchtrainierte Surferboys mit strammen Körpern. Meistens treffen sie sich gegen Abend in kleinen Grüppchen. Konkurrenz stachelt an, noch mehr zu leisten, bekanntlich besonders unter männlichen Wesen. Doch auch ihre weiblichen Konterparts joggen allzu gerne im Licht der untergehenden Sonne den Strand von Ipanema entlang. Sie müssen eben dem weltbekannten Lied von Antônio Carlos Jobim aus dem Jahr 1962, „Garota de Ipanema“, alle Ehre erweisen und auf ihren perfekten Körper Acht geben – genauso wie uns die Medien das Bild der Brasilianer vermitteln. Wunderschön, muskulös, kein Gramm Fett zu viel.

Schaut man an den Stränden jedoch genauer hin, wird man schnell enttäuscht: Als magrelo, also als sehr schlanker Mensch, aber auch als Normalgewichtiger, wähnt man sich in Brasilien fast in der Minderheit. Kurz: Die Brasilianer haben ein massives Fettleibigkeitsproblem. Fernab der Vorzeigestrände Copacabana und Ipanema und weit entfernt von den makellosen Schauspielern aus den Telenovelas ist ein Großteil der Brasilianer ziemlich dick. Sorry. Das merkt man schon daran, dass man es in den Rush-Hours schwer hat sich durch die die Gänge im Bus zum Ausgang zu quetschen. Selbstredend rührt dies auch daher, dass die Busse heillos überfüllt sind, doch stehen einem eben auch recht viele rundliche Menschen im Weg. Doch ich will nicht bei vielleicht gemein anmutenden persönlichen Eindrucken bleiben. Hier die harten Fakten:

Einer Gesundheitsstudie aus dem Jahr 2011 zufolge sind 48,5 Prozent der Brasilianer übergewichtig, 15,8 Prozent sind sogar adipös, sprich: extrem fettleibig. Und das Fettbarometer zeigt steil nach oben. Wenn es so weitergeht, hat Brasilien die USA bald als die fetteste Nation der Welt abgelöst.

Woran mag das bloß liegen? Warum gibt es so viele Dicke in Brasilien, so viele gordos? Man muss einfach mal in die brasilianischen Kühlschränke schauen. Gemüse wird man dort kaum antreffen, höchstens als notwendiges Beiwerk zur Feijoada, einem Bohneneintopf mit reichlich Fleischeinlage. Auch sehr häufig anzutreffen: Softdrinks, Säfte mit Zuckerzusatz weitere Süßspeisen, von denen es in Brasilien ein schier unüberblickbares Repertoire gibt. Sehr beliebt sind zum Beispiel brigadeiros, kleine Schokopralinen, die es in sich haben. Für mich hat solch ein kleines Kügelchen fast den Gegenwert eines vollwertigen Mittagessens.  Überhaupt werden Salatbuffets zumeist geschnitten, wenn sich die brasilianischen Restaurantbetreiber auch redliche Mühe geben, Endiviensalat, Rote Bete und Karottenstreifen hübsch anzurichten. In den rodízios, einer der gängigsten Form von Gastronomiebetrieben in Brasilien geht es nur um eins: Fleisch. Dort gehen Kellner mit Fleischspießen umher und die Gäste lassen sich am Tisch etwas vom Steak, von der Lende, vom Tafelspitz (in Brasilien gegrillt und nicht gekocht, genannt picanha) abschneiden. Und niemand verlässt das Restaurant, bevor der Magen nicht kurz vor’m Platzen ist. Zugegeben: Es muss ja wohl schmecken. (Mich als Vegetarier hat das aber dennoch nicht reizen können; das Leben im fleischverliebten Brasilien ist aber ein hartes, das kann ich sagen).

Und wenn man dann nach dem ausgiebigen Rodízio-Festmahl nach Hause kommt, denkt niemand an Sport. Dann wird einer weiteren Lieblingsbeschäftigung der Brasilianer nachgegangen, dem Fernsehen gucken, möglichst bewegungslos auf dem flauschigen Sofa. Bei so viel gutem Essen und mangelnder Bewegung ist es also kein Wunder, wenn Brasilien fast zur Hälfte von gordos bevölkert ist.

Übrigens: Der Anteil an übergewichtigen Menschen liegt in Deutschland (noch) über dem in Brasilien. Also sollten wir Deutsche uns auch an die eigene Nase fassen. Ich als dürrer magrelo muss aber keine Sorgen machen, oder?