Amazonas-Region zunehmend industrialisiert
Von Mario OsavaPorto Velho
Brasilien, 16. November (IPS) - In Rondônia verschwanden großeTeile des Amazonas-Urwalds, weil riesige Herden mit insgesamt rund zwölf Millionen Rindern Weideland brauchten. Nun setzt der nordwestbrasilianische Bundesstaat auf die Industrialisierung der Region. Trotz der Proteste von Umweltschützern und Ureinwohnern sollen zwei große Wasserkraftwerke gebautwerden.

In der Stadt Porto Velho produziert das von dem französischen Konzern Alstomund der brasilianischen Firma Bardella gemeinsam gegründete Unternehmen IMMA Bauteile für die Kraftwerke, die an mehreren Flüssen des Amazonasstaatesentstehen sollen. Ähnliche Projekte sind in anderen Teilen Brasiliens sowiein Bolivien und Peru geplant.
Im vergangenen Jahr hatte das brasilianische Konsortium Volorantim bereitsein Zementwerk in Porto Velho eingeweiht. Die Fabrik soll Nachschub für dieBaustellen der Kraftwerke Santo Antonio und Jirau am Rio Madeira, einem dergrößten Nebenflüsse des Amazonas, liefern. Naturschützer warnen allerdingsdavor, dass die Projekte den Raubbau am Amazonas-Urwald weitervoranzutreiben werden.

Allein für den Bau von Santo Antonio ist so viel Beton notwendig, dass mandamit 36 Mal das weltgrößte Fußballstadion Maracaná in Rio de Janeiro bauenkönnte. Wie Eduardo Bezerra von der brasilianischen Baufirma Odebrechterklärte, wird außerdem die Stahlmenge von 16 Eiffeltürmen gebraucht.

Hohe Investitionen erwartet

Gilberto Baptista, der Vorsitzende des Industriellenverbands von Rondônia,hofft darauf, dass hohe Investitionen in den rohstoffreichen Bundesstaatfließen, der in dem interozeanischen Korridor zwischen den Pazifikhäfen inPeru und den Atlantikhäfen Brasiliens liegt.

Die beiden geplanten Kraftwerke werden die Stromproduktionskapazität Brasiliens um sechs Prozent steigern. In der Anfangsphase können sie 6.450Megawatt erzeugen. Diese Menge soll sich erhöhen, sobald eine Erweiterungder ursprünglichen Projekte genehmigt wird. Baptista hob als besonderswichtig hervor, dass die brasilianischen Industriebetriebe somit konstanterbeliefert werden können.

Für die Kraftwerke sind Investitionen von umgerechnet etwa 15 MilliardenUS-Dollar nötig. Dies entspricht fast dem doppelten jährlichenBruttoinlandsprodukt (BIP) von Rondônia. Der Bundesstaat profitiert insofernvon dem Projekt, als rund 30.000 Menschen dadurch eine Beschäftigung fanden.Nach der Ankunft zahlreicher Arbeitsmigranten in die Region sind allerdingsauch die Immobilienpreise und Mieten explodiert.Der Boom in Rondônia begann aber schon lange vor Beginn der Bauarbeiten2008. Bereits zwischen 2003 und 2007 wuchs das BIP des Bundesstaates imVergleich mit dem brasilianischen Durchschnitt um das Vierfache, wie derÖkonom Valdemar Camata berichtete.Im vergangenen Jahr seien in Rondônia zwei Drittel aller neuen Jobs inNordbrasilien entstanden, sagte Camata, der für Odebrecht arbeitet. Demnachhaben die Abschaffung oder Senkung von Zöllen auf dem Inlands- und deminternationalen Markt die Industrialisierung wesentlich vorangetrieben.Ohne die Agrarpolitik der Militärregime zwischen 1964 und 1985 wäre diebisherige Entwicklung der Industrie undenkbar. Die landwirtschaftlichgenutzten Flächen dehnten sich damals weit bis in das Innere desAmazonasgebiets aus.Nachdem die Juntas Land verschenkten und vor allem Menschen aus dem SüdenBrasiliens mit großen Versprechen nach Rondônia lockten, wuchs dieBevölkerungszahl des Bundesstaates zwischen 1970 und 1991 stark an. LautCamata sind mittlerweile 53,8 Prozent der 1,52 Millionen Einwohner desStaates aus anderen Teilen Brasiliens zugewandert.Zunächst wurden in Rondônia vor allem Reis, Kakao, Kaffee und Mais angebaut,bevor die Viehzucht ab den achtziger Jahren sprunghaft zunahm. Inzwischenkommen auf jeden Einwohner der Bundesstaaten statistisch gesehen achtRinder.Fleisch und Milchprodukte dominieren den MarktFleisch ist das wichtigste Produkt, das Rondônia hervorbringt. DieHerstellung von Milch- und Tiefkühlerzeugnissen stellte die vorherdominierende Forst- und Bergbauindustrie in den Schatten. Nach Schätzungenvon Camata haben von den einst rund 2.500 holzverarbeitenden Betriebenhöchstens 200 überlebt.Experten rechnen auch damit, dass der geplante Ausbau der bishervernachlässigten Transportwege mit einem beträchtlichenWirtschaftsaufschwung in Rondônia einhergeht. Die Straßen, die kreuz undquer durch den Bundesstaat und dem benachbarten Acre bis in die Grenzgebietenahe Peru und Bolivien führen, sollen neu asphaltiert werden. Unter anderemsoll die in den siebziger Jahren gebaute Autobahn BR-319, die derzeit übergroße Strecken unbefahrbar ist, wieder in Stand gesetzt werden.Der Bau von Brücken und Kanälen soll ebenfalls dazu beitragen, dass Rondôniaein logistisches Zentrum zwischen Amazonas- und Andenregion wird. DieKraftwerke Santo Antonio und Jirau haben nehmen der Stromgewinnung auch dieBedeutung, die Integration zwischen Brasilien, Bolivien und Peru weiter zufördern. Experten wie der Soziologe Alfredo Wagner de Almeida sehen dadurchjedoch die "letzte Grenze Amazoniens" in Gefahr. Quelle: IPS--Inter Press Service Nachrichtenagentur