Schon während der vergangenen fünf Jahre nahmen die alljährlichen Überschwemmungen in Piauí und Maranhão stark zu. Die maßlose Abholzung der Cerrado-Wälder und der Caatinga in den beiden Bundesstaaten haben den Boden ohne Schutz dastehen lassen. Statt das Wasser aufzunehmen und zu speichern, wird er von der Regenflut weggespült. Das Regenwasser fließt viel schneller ab und erhöht damit auch die Verlandung der Flüsse und Bäche. Das am stärksten betroffene Wasserbecken ist das des Rio Parnaíba, das die beiden Staaten durchzieht und eines der größten Brasiliens ist.
Welche Ausmaße hat die Abholzung der Wälder im Nordosten?
Die Zerstörung der Caatinga und des Cerrado geschieht ununterbrochen auf riesigen Flächen. Selbst die Regierenden geben inzwischen zu, dass die Vernichtung der Caatinga- und Cerrado-Wälder noch schneller voranschreitet als die Regenwaldabholzung in Amazonien.
Der Cerrado gilt als extrem vielfältiges Ökosystem. Wie hoch wird sein Artenreichtum eingeschätzt?
Die Wissenschaft hat bislang 12.000 Pflanzenarten des Cerrado katalogisiert. Aber es gibt hier noch zahllose weitere Pflanzenarten, die die Wissenschaft noch gar nicht entdeckt hat. Die Vielfalt an Heilpflanzen und Frucht-Sorten ist immens. Jedes Jahr werden neue Arten entdeckt. In jedem Hektar Cerrado, so die Forscher, könne man 400 verschiedene Pflanzenarten antreffen. An Tierarten hat man bereits 1.600 gezählt, darunter 195 Säugetierarten, von denen 18 endemisch sind und nur im Cerrado vorkommen.
Trotz seiner enormen Wichtigkeit für die Biodiversität unseres Planeten wird der Cerrado zur gleichen Zeit von der Welt vergessen! Was glauben Sie, ist die Ursache für diese nationale und globale Ignoranz?
Mit Sicherheit wird der Cerrado beflissentlich vergessen, weil er die produktivste Region Brasiliens ist, wo die großen nationalen und multinationalen Firmen ihre Plantagen errichten mit dem Ziel des schnellen Gewinns durch den Export von Soja, Agrartreibstoffen sowie der Ausbeutung von mineralischen Rohstoffen. Der Schutz dieses Ökosystems betrifft direkt die ökonomischen Interessen dieser großen Firmengruppen, und eine „Entwicklung“ ohne Rücksicht auf die ökologischen Kosten bringt eben schnelleren Profit. Maßnahmen zum Schutz des Cerrado behindern diejenigen, nicht nach den Gesetzen unseres Landes agieren wollen. Ein großer Misstand ist auch des Fehlen kompetenter Politiker im Naturschutzbereich. Gleichzeitig wird die Politik von Firmengeldern finanziert, wie Zum Beispiel der Gouverneur von Piauí, der bei der vergangenen Wahl vom Stahlunternehmen „Companhia Siderúrgica Nacional“ finanziert wurde.
Gibt es im Cerrado von Piauí noch indigene Völker und andere traditionelle lebende Bevölkerungsgruppen?
Wenige Indigene, aber die Zahl der Quilombolas (nachkommen ehemaliger Sklaven) ist groß. Einige dieser Quilombos (traditionellen Gemeinschaften von Ex-Sklaven) werden aber von Landräubern, “Grileiros“, die aus anderen Bundesstaaten kommen, bedroht und vertrieben. Und die Vertriebenen ziehen in die Städte ab, mit den üblichen Folgen wie unkontrollierte städtische Auswucherung, Slumbildung, zunehmende Arbeitslosigkeit, Armut, Krankheiten, Kriminalität, Prostitution. Noch hervorzuheben ist der Verlust traditioneller Kulturen, die vergessen und durch Abholzer aus anderen Regionen ersetzt werden.