Mehr Wachstum, mehr zerstörte Natur

Dieser Ansatz zum Umgang mit der Natur sei unverzichtbar, betonte er. Das auf Wachstum fixierte System könne die Klimaprobleme nicht lösen, die es selbst geschaffen habe. "Das System selbst bedroht das Leben. Wenn es in jedem Land jedes Jahr auch nur ein wenig Wachstum gibt, bedeutet das mehr Umweltschäden und ein ansteigende Erderwärmung."
"Dies ist ein Teufelskreis", warnte Boff und entwarf ein Schreckensszenario von der Erde, die in den nächsten Jahren immer unbewohnbarer wird. "Betroffen sind vor allem die Menschen in Afrika und Südostasien. Wenn wir diese Entwicklung nicht anhalten, wird es in fünf, sechs Jahren weltweit bis zu 100 Millionen Klimaflüchtlinge geben, die die Politik vor schwere Probleme stellen."

Lateinamerika bietet große Chancen

Boff setzt große Hoffnungen auf Lateinamerika. In dieser ökologischen Krise könne der Subkontinent mit seinen weltweit größten Regenwäldern und Süßwasserressourcen, seiner unvergleichlichen Artenvielfalt und seinen riesigen Agrarflächen einen besonders positiven Beitrag leisten, stellte er fest. Leider fehle einem großen Teil der Bevölkerung bislang das dazu erforderliche Umweltbewusstsein. Zudem wachse die Gefahr, dass sich Großkonzerne in den riesigen unbewohnten Gebieten breitmachten. "Hier wird Allgemeingut zum individuellen Nutzen enteignet", kritisierte der Theologe.
In Argentinien, Brasilien, Chile und Venezuela begreife man allmählich die Spielregeln dieses neuen Kapitalismus: "Lebensgrundlagen konzentrieren, um die Zukunft des Systems zu sichern." Zwar gebe es finanzielle und technische Möglichkeiten, um gegenzusteuern, doch dazu fehlten der politische Wille und ein Gefühl für Natur und menschliches Leid.
Boff appellierte an die kollektive Pflicht zur Humanität, die von der Marktwirtschaft nicht zu erwarten sei. "Wir suchen nach Balance und Ausgewogenheit. Geld ist dabei nicht das Problem. Jeder oder jede ist gefordert, nach Kräften einen eigenen Beitrag zu leisten", betonte er.