Erst Fußball-WM, dann Olympische Spiele: In Brasilien finden binnen zwei Jahren die größten Sportereignisse der Welt statt. Doch das Land belasten Bestechungsvorwürfe auf sportpolitischer Ebene. Präsidentin Rousseff will gegen die Korruption vorgehen - und setzt dabei auf ein Fußballidol.

 

 

Früher galt das Amt des Sportministers in Brasilien kaum etwas. Der Posten war einer von vielen im Kabinett, hatte wenig Bedeutung - mittlerweile steht er im Rampenlicht. Seitdem Brasilien den Zuschlag für die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro erhielt, nimmt die Öffentlichkeit regen Anteil an der Arbeit des Sportministers. Der aktuelle heißt Aldo Rebelo, wurde dieser Tage in sein Amt eingeführt und muss erst einmal den Schlamassel beseitigen, den ihm sein Vorgänger hinterlassen hat.

Der Mann vor Rebelo auf dem Posten des Sportministers war Orlando Silva, der kürzlich zurücktrat. Ein ehemaliger Vertrauter wirft Silva vor, dass er von Missbrauch von Regierungsgeldern in mindestens zweistelliger Millionenhöhe gewusst habe. Das Geld war für ein privates Hilfsprogramm für bedürftige Kinder und behinderte Sportler bestimmt. Doch die Organisation, die das Geld erhielt, soll vor allem zur Geldwäsche gedient haben. Silva bestreitet alle Vorwürfe.

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff hat für vier Wochen alle Abkommen mit Nicht-Regierungsorganisationen ausgesetzt, denn viele der vorgeblichen Privatvereine entpuppen sich als Briefkastenfirmen. Und sie hofft, dass Silvas Nachfolger Rebelo nun für Ordnung sorgt. Er gilt als pedantischer Saubermann, zudem steht er dem Fußball-Weltverband Fifa kritisch gegenüber, der die WM 2014 in Brasilien ausrichtet.

Organisation der Fußball-WM ein Alptraum

Dass Brasilien den Zuschlag für die beiden größten Sportereignisse der Welt erhielt, hat es vor allem Ex-Präsident Lula zu verdanken. Doch insbesondere die Organisation der Fußball-WM entpuppt sich für seine Nachfolgerin als Alptraum. Der Bau vieler Stadien ist im Verzug, Werbe- und Sponsoringverträge sind undurchsichtig, die Verhandlungen mit der Fifa haben sich festgefahren. Es geht um Milliarden - das weckt die Begehrlichkeit von Politikern, Sportfunktionären und Bürokraten.

Die Ausrichtung der WM obliegt der Fifa, vor Ort ist der brasilianische Fußballverband CBF verantwortlich. Dessen umstrittener Präsident Ricardo Teixeira führt den Verband des fünffachen Weltmeisters seit zwei Jahrzehnten fast wie ein tropischer Don Corleone. Er selbst wurde von dem Paten aller brasilianischen Sportfunktionäre ins Amt gehievt - seinem ehemaligen Schwiegervater und Ex-Fifa-Präsident João Havelange, 95. Der Greis ist trotz seines Alters geistig hellwach.

Präsidentin Rousseff führt einen Kampf gegen die Korruption

In seiner Heimatstadt Rio gilt das Duo Teixeira/Havelange als praktisch unantastbar. Zusammen mit dem Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, Carlos Nuzmán, regieren sie wie ungekrönte Könige über den brasilianischen Sport. Lula ignorierte Korruptionsvorwürfe gegen die "Cartolas", wie die mächtigen Sportfunktionäre in Brasilien genannt werden, zu Fifa-Präsident Sepp Blatter unterhielt er gute Beziehungen.
Auch der jetzt abgetretene Sportminister Silva wurde von Lula eingesetzt. Doch seiner Nachfolgerin Rousseff sind die "Cartolas" und ihre undurchsichtigen Machenschaften suspekt. Sie hat den Kampf gegen die Korruption zum Markenzeichen ihrer Regierung gemacht, auch von den Fußballfunktionären fordert sie Transparenz. Bei öffentlichen Auftritten meidet sie Teixeira.

Verbandsboss Teixeira prozessiert gegen BBC-Reporter

Die britische BBC wirft dem brasilianischen Fußballboss Korruption und undurchsichtige Geschäfte vor. Es geht dabei um Vermarktungsrechte und Millionentransfers von Liechtenstein nach Brasilien in den neunziger Jahren. Weitere Vorwürfe gegen Teixeira liegen nur einige Jahre zurück: Im Zuge der Ausrichtung eines Freundschaftsspiels gegen Portugal 2008 und beim Abschluss von Sponsorenverträgen 2001 mit dem Sportkonzern Nike, der die brasilianische Nationalmannschaft ausrüstet, soll es ebenfalls zu Unregelmäßigkeiten gekommen sein. Teixeira weist alle Vorwürfe zurück, er prozessiert gegen BBC-Reporter Andrew Jennings.
Das Duo Havelange/Teixeira baute bislang auf seine guten Beziehungen zur Regierung, der Fifa, den nationalen Clubpräsidenten und Brasiliens mächtigen Medienkonzern Globo. Teixeira redet ein gewichtiges Wort bei der Verhandlung der TV-Übertragungsrechte mit. Er wähnt sich so allmächtig, dass er gegenüber einer Journalistin der brasilianischen Zeitschrift "Piauí" jüngst drohte, englischen Journalisten die Akkreditierung für die WM zu verweigern. Den Fernsehsender Globo habe er praktisch in der Tasche, ließ er durchblicken.
Doch Teixeira hat es womöglich zu weit getrieben. Jüngst durfte BBC-Reporter Jennings seine Vorwürfe gegen den Verbandsboss im brasilianischen Senat zu Gehör bringen. TV Globo berichtete jüngst erstmals über die Vorwürfe gegen den CBF-Boss, bislang hatte der Sender das Thema totgeschwiegen.
Präsidentin Rousseff will die Gunst der Stunde nutzen, um ihre Position zu stärken. Und dabei gelang ihr ein Schachzug, dem die "Cartolas" kaum etwas entgegensetzen können: Sie gewann Pelé als Aushängeschild der Regierung in WM-Fragen. Das Fußballidol war selbst einmal Sportminister, er setzte sich in seiner Amtszeit für die Rechte der Sportler ein, moralisch ist er unangefochten. Vor allem aber gilt er als Intimfeind von CBF-Boss Teixeira.
Pelé und der neue Sportminister Rebelo sollen sicherstellen, dass Brasilien eine saubere WM ausrichtet. Sie können sich dabei der Unterstützung der Politiker sicher sein. Keiner von ihnen will 2014 als Spielverderber gebrandmarkt werden, sollte das Projekt Fußball-WM nicht gelingen. Das WM-Jahr ist in Brasilien nämlich auch Wahljahr.

Jens Glüsing, Rio de Janeiro