In Zeiten der Weltwirtschaftskrise müsse es in Rio auch um ökonomische und soziale Fragen gehen, meint Rousseff. Sie preist den sozialdemokratischen Kurs der südamerikanischen Mitte-links-Regierungen, die auf die Stärkung der Binnennachfrage setzen, als Alternative zu den neoliberalen Rezepten in Europa oder Nordamerika.

In Brasilien erfreut sich dieser mit Sozialprogrammen abgefederte Kapitalismus hoher Beliebtheit. Kritiker von Rousseffs reformistischen Wachstumskurs bemängeln allerdings, sie wolle ihre eigenen Umweltsünden verschleiern: den Bau des Großstaudamms Belo Monte in Amazonien, die drohende Aufweichung des Waldgesetzes oder die Lockerung der Umweltauflagen für Großprojekte.

Im Juni wollen die Globalisierungskritiker den Regierenden mit einem "Gipfel der Völker" Dampf machen, den sie jetzt in Porto Alegre vorbereiten. In ihrer Skepsis sehen sie sich durch den kürzlich veröffentlichten Entwurf zur Rio+20-Abschlusserklärung bestätigt. Geprägt sei diese von den "Vorstellungen des privaten Sektors, der das heutige Wirtschaftssystem nicht hinterfragt", sagt die brasilianische Soziologin Iara Pietricovsky. "Die viel gepriesene Green Economy ist nichts anderes als ein grüner Anstrich der Weltwirtschaftsordnung", schimpft Michael Frein vom Evangelischen Entwicklungsdienst.
"In Rio werden die sozialen Bewegungen zeigen, dass sie Vorschläge haben, die sowohl quer zum klassischen Wachstums- und Entwicklungsmodell als auch quer zur Green Economy liegen", gibt sich Silke Helfrich, die auf dem Weltsozialforum eine der "strategischen" Arbeitsgruppen leitet, zuversichtlich. Beim Versuch, "die traditionelle Blindheit linker Kräfte für ökologische Fragen zu überwinden, erkunden die Aktivisten neue Paradigmen im Bezug auf Lebens- und Produktionsmodelle", fasst Kathrin Buhl von der Rosa-Luxemburg-Stiftung zusammen, die der Linkspartei nahesteht.

 

Gerhard Dilger