Brasiliens politische Klasse wird zur Zeit heftig unter Beschuss genommen. Hunderttausende sind gegen unhaltbare soziale Zustände auf die Straße gegangen – verursacht von Menschen im fernen Brasília. Was tun? Einfach keine Menschen mehr wählen!

Wenn man sich in Brasilien über korrupte Politiker und eine vollkommen überdimensionierte Staatsbürokratie aufregt, fällt oft der Begriff „burrocracia“. Hier regieren also keine bestechlichen Bürohengste mehr, sondern „burros“, also Esel. Es ist zwar fraglich, ob auch Politiker einer vor ihrer Nase hängenden Karotte treudumm folgen würden – weit entfernt von diesem Szenario sind sie aber nicht, was die Empörung der Brasilianer über ihre politische Klasse in den letzten Wochen gut gezeigt hat.

Da mag man manchmal gar keine Lust mehr haben, überhaupt noch wählen zu gehen. Es kommt ja doch immer derselbe Eselmist dabei heraus. Allerdings haben die Brasilianer wie auch in anderen Lebensbereichen hier schon ihren Sinn für Humor unter Beweis gestellt. Levar a sério – etwas ernst nehmen? Selbst an den Wahlurnen fällt das den Brasilianern schwer.

In den vergangenen Wochen gab es in vielen Medien Berichte über einen Kater namens Morris, der von seinem Herrchen zur Bürgermeisterwahl im mexikanischen Xalapa aufgestellt wurde. Das Motto ist recht einleuchtend: „Keine Lust mehr Ratten zu wählen?  – Wählen Sie eine Katze.“ Mexiko schmerzen offenbar ähnliche politische Leiden wie Brasilien. Wenn die Menschenwelt also keine Lösung für die vielen Probleme bieten kann, kann man eben nur noch auf die Tierwelt ausweichen, mag sich Morris‘ Besitzer gedacht haben. Doch er war keinesfalls das ersten Menschenwesen, das auf diesen Einfall gekommen ist.

Die Gewinnerin der Stadtratswahlen in São Paulo im Oktober 1959 hieß Cacareco: eine Nashorndame beheimatet im örtlichen Zoo. Mit über 100.000 Stimmen (15%) setzte sie sich klar gegen alle anderen Kandidaten mit Parteibuch durch und erlangte damit einen der höchsten Stimmenanteile, die ein Kandidat jemals in einem ersten Wahlgang bis dahin erreicht hat. Damals war es noch möglich, den Namen seines Wunschkandidaten selbst auf den Wahlzettel zu schreiben, und von dieser Regelung machten die Paulistanos gern Gebrauch. Der Zoodirektor kommentierte die Geschehnisse damit, dass er von nun an das Stadtverordnetengehalt von Cacareco zu ihrem Lebensunterhalt gebrauchen wolle. Die Idee zu dieser Protestwahl ging wahrscheinlich von einigen  Studenten aus, die für die behäbige Rhinozerosdame Werbung machten. Sogar die New York Times berichtete damals über den kuriosen Wahlausgang. Letzten Endes wurde dann aber doch ein Mensch neuer Bürgermeister von São Paulo. Eine Woche später wurde nochmal gewählt – diesmal waren nur Menschen als Kandidaten zugelassen.

Zu noch größerem Ruhm brachte es Tião, ein Schimpanse wohnhaft im Zoo von Rio de Janeiro, der seinen Namen dem Heiligen Sebastian (auf portugiesisch: São Sebastião) zu verdanken. Sein Sozialverhalten war allerdings alles andere als heilig. Tião hatte die Anwandlung seine eigenen Extremente auf Zoobesucher zu werfen. Mit Vorliebe traf er dabei Politiker. Sein berühmtestes Opfer war Marcello Alencar, ehemaliger Bürgermeister der Stadt Rio de Janeiro. Kein Wunder also, dass der Affe der perfekte Kandidat für die Bürgermeisterwahlen 1988 in Rio de Janeiro war. Tião erreichte sogar etwa 400.000 der abgegebenen Stimmen und landete bei zwölf Mitbewerbern auf dem beachtlichen dritten Platz. Ihm kam wie dem Rhinozeros Carareco zugute, dass die Wählerinnen und Wähler in eigener Entscheidung einen Namen auf ihre Wahlzettel schreiben konnten. Heute geht das nicht mehr; die Wahl läuft elektronisch ab und die Wahllisten sind vorgegeben.

Wenn Tião auch nur knapp an Rios Bürgermeisteramt vorbeigeschrammt ist: Lebenslanger Ruhm war ihm sicher. Er bekam einen neues, speziell für ihn hergerichtetes  Gehege in bester Lage im Zoo. Doch – wie es wohl auch allzu vielen Politikern in Menschengestalt früher oder später ergeht – der Ruhm ist ihm zu Kopfe gestiegen. Der Schimpanse konnte einfach nicht von den süßen Sachen ablassen, das Schlickerzeug hat ihn korrumpiert. Tião starb 1996 im Alter von 34 Jahren an Diabetes.