Die Partymeile von Rio de Janeiro liegt im Stadtteil Lapa, in der Nähe des Zentrums. Hierhin bewegt sich am Wochenende das Volk, um Bier und Caipirinha zu trinken, Live-Musikern zu lauschen und Samba zu tanzen (wenn das Volk nicht gerade auf der Straße aufbegehrt). Doch wer mal etwas Anderes erleben möchte, abseits der ewig brasilianischen Rhythmen, der lese sich folgenden Bericht durch.

 

Es sollte eine nette Abschiedsfeier für einen deutschen Freund in Brasilien werden. Das Abschiedsgeschenk war eingepackt, alle hatten auf der Karte unterschrieben und ihrer Trauer über den Weggang des liebgewonnenen Freundes Ausdruck verliehen, der Cachaça stand kalt. Ein schöner, netter, vielleicht auch bierseliger und melancholischer Abend unter Freunden also. Später vielleicht noch Lapa. Denkste!

 

Als krönenden Abschluss seiner Zeit in Rio wollte uns unser Freund an einen ganz Speziellen Ort zum Feiern führen: Vidigal, eine Favela an den Hängen des Berges Dois Irmãos.

Wie bitte?!  In einer Favela feiern gehen? Ist das nicht ein bisschen zu gefährlich? Das habe ich auch zuerst gedacht, doch meine Freunde beruhigten mich. Keine Angst, die Favela Vidigal ist befriedet, Polizeipräsenz ist vorhanden, und wir sind ja in der Gruppe unterwegs. Da passiert schon nichts.

Eigentlich wollte ich mich der unter jugendlichen in Brasilien befindlichen Ausländern stark verbreiteten Favela-Romantik ja nicht anschließen. Ich finde, dass Favelas immer noch Ausdruck gesellschaftlicher Missstände sind. Seien die Favelas auch befriedet und gehe es vielen Bewohnern auch vergleichsweise besser als noch vor ein paar Jahren, so sind es für mich Deutschen mitteleuropäischer Sozialisation immer noch in gewisser Weise Elendsviertel. Die Menschen dort träumen bestimmt auch von besseren Lebensumständen, größeren Wohnungen, einer sichereren Stromversorgung. Also: Ich meinerseits will nichts beschönigen oder verklären.

Am nächsten Tag erzählte ich auch meiner Vermieterin von unserem Partytrip. Sie war, gelinde gesagt, doch etwas geschockt. Sie würde dort nie hingehen, meinte sie. Aber ich lebe ja noch…

Die Leute in Vidigal sind auch sehr gut auf ihre ausländischen Besucher eingestellt. Man fährt mit dem Bus an den Fuß des Berges und dann stehen schon Vans und Motorrad-Taxis bereit, die einen hinauf zur Bar bringen. Für den Hinweg war mir das Motorrad-Taxi doch noch etwas zu riskant, auf dem Rückweg kam ich jedoch nicht mehr drum rum. Und ich muss doch sagen: Es hat echt Spaß gemacht, und der Motorradfahrer, an dem ich mich doch recht fest geklammert hielt, fuhr auch extra vorsichtig. Kein Problem. Bei Gringos, also unwissenden Ausländern, gehen auch Brasilianer behutsamer vor.

Wir waren mit die ersten oben am Club Alto Vidigal. So konnten wir noch günstigere Eintrittspreise abstauben. Die sind nämlich auch in der Favela Vidigal, wie im ganzen Rest der Partywelt, doch ziemlich hoch. Schmunzeln musste ich an der Kasse über recht hilflos wirkende US-Amerikaner, ungefähr in meinem Alter, die nicht recht wussten, was zu tun war. Auf jeden Fall mussten sie fünf Real mehr als wir bezahlen, die wir uns in Portugiesisch verständlich machen konnten.  Hatte die Kassiererin da etwa ein Hühnchen mit den USA zu rupfen? Lustig (wenn auch unfair) war es allemal.

Es lief Elektromusik wie in jedem Club in Berlin, New York oder Freiburg auch gespielt worden wäre. Das war also nichts Besonderes. Was aber unvergleichlich war, war die Location: Unter freiem Himmel, an den Hängen eines hohen Berges mit atemberaubenden Blick auf ein nächtliches, hell erleuchtetes Rio de Janeiro. Weder beim Tanzen, noch beim Getränkeholen, vielleicht nur beim Toilettengang, hat mich dieser Ausblick losgelassen. Allein dafür hat sich die Tour gelohnt.

Aber: Der Club füllte sich zusehends, bald konnte man sich mehr schlecht als recht fortbewegen, geschweige denn etwas ausgefallener tanzen (was in Elektroclubs ohnehin verpönt ist). Und der Club füllte sich hauptsächlich mit Gringos! Ich fühlte mich schließlich von 70, 80 Prozent Ausländern umzingelt – und bin ja auch selbst einer. Unsere brasilianischen Freunde, die auch mitgekommen waren, verzogen sich in eine Ecke. Ihnen war das Ganze wohl auch nicht ganz geheuer.  Sogar der Österreichische Rundfunk war mit einer Kamera da! Von einem Geheimtipp konnte also keine Rede sein. Hunderte Ausländer auf einer Elektroparty in einer Favela. Ich glaube, in dieser Nacht verstand ich das erste Mal, warum die Brasilianer manchmal etwas spöttelnd auf uns Ausländer schauen. Wir sind und bleiben eben Gringos.

Ich habe mir auf jeden Fall fest vorgenommen, das nächste Mal zu einer typischeren Party zu gehen, vielleicht mit Forró-Musik, oder Funk, wenn ich mutig bin (das ist nicht etwa Funk-Musik, wie man sie aus den USA kennt, nein, Funk (Aussprache: „fanki“) ist etwas ganz Brasilianisches, vielleicht vergleichbar mit rhythmischem Hip Hop). Da treffe ich dann bestimmt mehr Brasilianer.