Schon lange wollte ich mich mal melden aber es ist halt immer viel los hier in Goiânia, besonders jetzt in dieser Zeit der vielen Demonstrationen hier. Wenn der Brief bei Euch ankommt, ist er schon wieder „veraltert“,….

Liebe Freunde in Europa,
einen herzlichen Gruß aus Brasilien, de Goiás.
Goiânia, 23.06.2013

Brasilien ist zurzeit sehr „aufgewühlt“ und nicht nur wegen dem Fußball. Soweit ich es von hier aus mitbekomme gibt es auch viel Berichterstattungen in Europa über die Ereignisse hier, aber was ich lese gefällt mir gar nicht. Die meisten Berichte legen den Schwerpunkt auf die Ausschreitungen, ja, die gibt es auch, aber „nur am Rande“… tausende von Menschen gehen zurzeit täglich auf die Straße. Am Donnerstag (20.06) waren es an die  1,5 Millionen Menschen die sich zur gleichen Zeit in verschiedensten Groß- und Kleinstädten mobilisierten. Meine Mitschwester und ich waren natürlich auch dabei. Ich war hier in Goiânia mit noch 40.000 Menschen auf der Straße, es war schon sehr beeindruckend. In all diesen Stunden mit diesen Massen von Leuten erlebte ich keine Gewalt. Es gibt Ausschreitungen ja, aber meistens am  Ende der Veranstaltungen und ausgehend von vereinzelten Gruppen.  

Rita beschreibt diese Tage so:  „…. ich finde die Berichterstattung im Ausland zu negativ, zu einseitig. Vor allem stört mich das Wort bürgerkriegsähnliche Zustände und die zwischen den Zeilen durchkommende Auffassung, "Proteste in mehr als 100 Städten" seien negativ.
Die Agenda der Demonstrationen ist gegen Korruption, für ein besseres Schul-, Gesundheits- und Transportwesen; für mehr Transparenz; für ein nicht-verdummendes öffentliches Fernsehen; gegen Polizeigewalt; für mehr Toleranz; für ein anderes, ein besseres Brasilien. Es gibt keine klare, eindeutige Agenda. Auslöser der Proteste waren Preiserhöhungen im schlechten und sowieso schon teuren öffentlichen Nahverkehr. Bei R$ 3,30 fräßen Transportkosten - bei zwei Fahrten werkstäglich - 20% des Mindestlohns. Aber, es war nur der Auslöser für Massendemonstrationen allgemeiner Unzufriedenheit.

Brasilien steht nun seit vielen Jahren gut da, wirtschaftlich, politisch, und auch sozial. Aber wirklich verändert hat sich nichts; das 'Herrenhaus' und das 'Sklavenhaus' bestehen weiter, mit ihren klaren Linien welche Bevölkerungsgruppe welches Haus bewohnt. Brasilien stellt sich nach außen gut da und kann auch zeigen, wozu es fähig ist. Darauf sind die Menschen hier stolz. Sie sehen mit Stolz auf die WM und die Olympiaden; auf den Weltjugendtag. Aber, bei den ganzen Errungenschaften bleiben viele Menschen auf der Strecke. Bildungs-, Gesundheits- und Transportwesen. 

Genau gegen dies alles, dagegen dass sich alles verändern, aber nichts wirklich verändert, gegen den Nicht-wandel und gegen die Volksverdummung stehen die Menschen auf. Sie wollen keine Gewalt. Es gibt keine organisierten sozialen Bewegungen die die Forderungen kanalisieren und in offizielle politische Bahnen bringen könnte. Es gibt keine „Gegenmachts-Bewegungen“. Die Leute wollen gehört, ernst genommen werden. Und trotzdem sind es keine Unmutsveranstaltungen, Rachemanifestationen oder Gewaltmärsche. Die Menschen schreiben auf die Plakate was ihnen nicht gefällt und was sie nicht wollen und reden von ihren Wünschen für Brasilien, von ihren Träumen. Sie überwinden die – reelle – Angst vor Repression und öffentlicher Gewalt und gehen auf die Straße und zu sehen, dass sie nicht alleine stehen, dass ihre alltäglichen Gespräche über das was im Land geschieht nicht nur Kneipendiskussionen sind (…).
Und die Regierungen (Bundesstaatliche, Landes- und Kreisregierungen) haben nach den ersten Protesten die ersten Lektionen gelernt: die Polizei- und Militärkräfte werden zur Nicht-Gewalt angehalten, dazu, Schutz und nicht Unterdrückung zu sein. Das ist neu!
Viele Menschen kommen nach den Demonstrationen zurück und sagen: „Es war schön!“ mit Strahlen, mit Hoffnung. „Wofür bist Du gestern auf die Straße gegangen?“ habe ich heute unseren jungen Maler gefragt, der zurzeit bei uns im Haus arbeitet. Er schaute mich strahlend an: ¨Für ein besseres Brasilien“. Und so wie er es sagte war es keine Anklage gegen eine unhaltbare Situation, sondern die Hoffnung und die Überzeugung, dass es besser sein kann, dass etwas noch tieferes geschehen muss, eine echte Wandlung.
Ja, es gibt Gewalt, vor allem in den Städten, wie Rio, wo die Landesregierung und die Stadtregierung die Favelas mit Militäreinsatz befrieden, wo auf Gewalt schon lange Jahre mit Gewalt reagiert wird, wo sich eine Gegenmacht aus Drogen- und Waffenhandel, hat einnisten können weil die öffentliche Macht, und die echten Machthaber es nicht geschafft haben, nicht wollten?, die „res publicae“, die Sache des Volkes, zu vertreten. Das sind sehr komplexe und komplizierte und lange zusammengeflochtene Fragen. Die Proteste sind sehr vielschichtig. Und der aller größte Teil zeigt das die brasilianischen Bürger und Bürgerinnen schon längst aufgewacht sind und nichtmehr bereit sind, stillschweigend zu dulden noch ihren Traum vom modernen Brasilien, vom Brasilien für alle aufzugeben.
Wir wissen nicht, wie es weiter geht, was aus den Protesten wird. In allen „demonstrierten“ Städten wurden die Preise der öffentlichen Verkehrsmittel nicht erhöht und in manchen Städten sogar gesenkt! Wenn ich die Demonstrationen sehe fällt mir immer wieder Leipzig ein. Damals ist eine Mauer gefallen. Ob auch in Brasilien jetzt Mauern fallen?“

Mit diesen kurzen Eindrücken aus Brasilien einen herzlichen Gruß und ein herzliches Dankeschön

Sr. Petra Pfaller mc