„Seit 1996 sind wir im Casa Taiguara im Zentrum São Paulos sowohl tagsüber als auch nachts für Straßenkinder erreichbar. Grund für den Beginn unserer Arbeit war das Fehlen öffentlicher Konzepte für die Straßenkinder.

Fünfzehn Jahre später gibt es bescheidene Fortschritte bei den zuständigen Stellen.

In den vergangenen fünfzehn Jahren haben mehr als 10.000 Kinder und auf sich alleingestellte Jugendliche Taiguara durchlaufen, über 300 wurden in therapeutischen Einrichtungen bzw. Entzugskliniken begleitet. Unsere Erfahrungen zeigen, dass auch ein Leben nach dem Crack-Konsum durchaus möglich ist. Man muss dem Mythos, ein Crack-Abhängiger sei ein Verlorener, entgegentreten. Es ist ein Mythos, der letztlich rechtfertigen soll, dass es sowieso keinen Wert hat, etwas zu tun, um ihn zu retten.
Um jedoch ein Straßenkind von der Straße und den Drogen wegzubekommen, ist eine Arbeit „rund um die Uhr“- 24 Stunden lang – notwendig: Das leistet die brasilianische Gesellschaft bisher nicht. Benötigt werden mehrere Casas Taiguara, Entzugsmöglichkeiten, Sozialarbeit mit den Familien, enger Kontakt zu den öffentlichen Schulen, professionelle Teams, die motiviert sind, Leben zu retten. Ebenso notwendig wäre ein Ausbildungsgang zum „ Straßenerzieher“, und nicht vergessen werden sollte, dass die staatlich festgelegten Regeln für Kinder und Jugendliche (Estatuto da Criança e do Adolescente) ergänzt werden müssen. So ist es gesetzlich nicht möglich, ein zehnjähriges Kind von der Straße zu holen, wenn es nicht zustimmt und stattdessen weiter Drogen konsumieren möchte. Dabei ist es doch offensichtlich, dass ein Kind in diesem Alter, das von zu Hause aufgrund schlechter Behandlung abgehauen und den Drogen verfallen ist, keine Entscheidungsfähigkeit über den Drogenkonsum besitzt. Die öffentliche Macht hat die Verpflichtung, dieses Kind zu retten. Das Statut für Kinder und Jugendliche liest sich auf dem Papier zwar gut, die Wirklichkeit sieht jedoch ganz anders aus. „ Es ist die Pflicht der Familien, der Gesellschaft, der öffentlichen Hand, sich um Kinder zu kümmern…“ Wenn es die Pflicht von allen ist, fühlt sich niemand angesprochen. So kommt es, dass es immer noch kleine Kinder in unseren Städten gibt, die schlafend auf der Straße liegen.
Die Situation verschlimmert sich durch die Droge Crack. Schätzungen gehen davon aus, dass in Brasilien in den kommenden sechs Jahren ca. 300.000 Jugendlichen infolge des Crack-Konsums und der damit zusammenhängenden Gewalt sterben werden. Wir werden versuchen, dies zu verhindern, indem wir ein Gesetz vorschlagen, dass die öffentliche Hand dazu verpflichtet, sich um Kinder in einer gefährdeten Situation zu kümmern, bei ihnen einen Drogenentzug durchzuführen, danach sie in Erziehungsheime oder zurück zu ihren Familien zu schicken.
Man darf nicht mehr die Straße sich selbst überlassen oder der Polizei das Problem aufhalsen. Retten wir wenigsten die Kleinsten. Lösungen gibt es, sie müssen nur angegangen werden.“

Daniel Fresnot übersetzt von Günther Schulz
Daniel Fresnot ist Gründer von Moradia Associação Civil, der für Casa Taiguara zuständigen Nicht-Regierungsorganisation.