Die Kriminalitätsrate in Brasilien ist immer noch sehr hoch – trotz angeblich pazifizierter Favelas. Gestern durfte ich das selbst miterleben.

Vier Wochen bin ich nun schon in Brasilien. Aber bis jetzt hatte ich es nie zum Strand geschafft. Nur ein, zwei Mal bin ich Strandpromenaden von Ipanema und Copacabana entlang geschlendert. Mein arbeitsreiches Praktikum und andere spannende Dinge in Rio haben mich einfach davon abgehalten. Umso glücklicher war ich also, endlich mal Zeit zu haben und Freunde am Strand zu treffen. Posto 1 sollte es sein, der äußerste Punkt des Strandes in Copacabanas Westen. Es war warm gestern, die Sonne brannte. Also zog ich direkt meine Badehose an (es ist nämlich verboten sich am Strand in Brasilien umzuziehen; kein Scherz!), steckte ein paar kleine Geldscheine ein und ging von dannen. Aus dem Bus ausgestiegen, dauert es nicht mal drei Minuten, dann ist man schon am Strand angelangt. Doch mich sollte am helllichten Tag ein gehöriger Schrecken durchfahren.

Ich wurde ausgeraubt.

Zwei etwa 15-jährige Jungs kamen auf mich zu, riefen „money, money“. Ich war leichte Beute, als offensichtlicher Gringo, so der Name für unbeholfene Ausländer. Schnell hatten mich die beiden umkreist, griffen mir in die Taschen meiner Badeshorts. Doch da fanden sie nur 15 Real (etwa 6 Euro), was sie fast etwas wütend machte. Sie wollten ein Handy haben, doch das habe ich – als hätt‘‘ ich’s geahnt – zu Hause gelassen. Ich blieb ganz ruhig, den Blick richtete ich auf den Boden. Bloß nicht aufmüpfig werden! Meinen Haustürschlüssel, meine Uhr und meine Brille haben sie mir letzten Endes gelassen. Das Ganze hat vielleicht 20 Sekunden gedauert. Aber: Ich bin glimpflich davon gekommen. Habe kein Messer, keine Pistole sehen müssen.

Im Grunde habe ich damit gerechnet, dass mir ein Überfall in Rio de Janeiro passieren kann. Drum bin ich nun auch nicht verängstigt – trage keine „Schäden“ davon. Doch ein mulmigeres Gefühl als zuvor habe ich allemal. Von nun an werde ich sicherlich öfter über die Schulter schauen, unbelebte Seitenstraßen komplett meiden. Das erste, was meine Arbeitskollegen heute zu mir meinten, als ich meine Geschichte erzählte, war: „Foi batizado“ – jetzt  bin ich also „getauft“. Es ist passiert.

Raubüberfälle und Diebstähle, die geschehen tatsächlich sehr oft in Rio. Es ist immerhin die kriminellste Stadt der Welt in Relation zu der Masse an Touristen, die hier jährlich aufschlagen, wenn auch São Paulo Rio in den letzten Jahren in Sachen Kriminalitätsrate angeblich überholt hat.

Vor ein paar Wochen sprach ganz Brasilien über einen besonders schrecklichen Raubüberfall. Die Zeitungen und Fernsehkanäle waren voll davon. In einer Stadt im Bundesstaat São Paulo wurde eine Zahnärztin überfallen, von vier ebenfalls noch recht jungen Gangstern. Sie hatte allerdings nur 30 Real in der Kasse, weil sie kurz zuvor Geld zur Bank gebracht hatte. Das machte die Übeltäter so sauer, dass sie die Zahnärztin umbrachten. Wegen 30 Real. Wegen 30 Real!

Die Mörder wurden wenigstens gefasst. Dennoch fragt man sich, wie man zu solchen Grausamkeiten fähig sein kann. Standen die Räuber unter Drogeneinfluss oder war ihre Kindheit etwa rau und von alltäglicher Gewalt geprägt? Mir bleibt das unerklärlich.

Wie gesagt, ich bin glimpflich davongekommen. Doch werde ich nun vermehrt Vorsicht walten lassen. Nochmal will ich nicht überfallen werden.