Hendrik, Brasilieninitiative-intern auch „magrelo“ genannt aufgrund seiner hageren körperlichen Konstitution, hat sich ins spannende, aber langsame Rio aufgemacht. Hier sein erster Blogeintrag.

Brasilien ist ein schnelles Land. Das kann man an vielen Aspekten beobachten: Die Wirtschaft wächst seit Jahren rapide an, zumindest im Vergleich zur europäischen Stagnation oder gar Schrumpfung. Viele Menschen haben es innerhalb recht kurzer Zeit den Aufstieg in die Mittelschicht geschafft – zumindest, wenn man den flotten Sprüchen der PT-Regierung Glauben schenkt. Schaltet man derzeit den Fernseher an, kommen in den überlangen Werbepausen nicht nur kitschige Werbespots, die zum Konsum für den anstehenden Muttertag anregen sollen – nein, auch der Partido dos Trabalhadores schaltet massiv Werbung. Dilma Rousseff und Luiz Inácio Lula da Silva, der anscheinend immer noch für Erfolgseinheimserei herhalten muss (oder aber in Wirklichkeit weiterhin das Zepter in der hand hält?!), werden groß in Szene gesetzt und erklären den Brasilianerinnen und Brasilianern, was sie so alles geleistet haben. Auch hier ist Brasilien schnell, denn beim Betrachten des PT-Werbespots wünscht man sich schnell die laufende 17-Uhr-Telenovela mit ihren eher minder begabten Schauspielern zurück. Und natürlich ist Brasilien das Land der schnellen Rhythmen und Tänze. So schnell wie die Brasilianer kann man die Füße doch eigentlich gar nicht bewegen, sagt sich da der gemächliche Deutsche, der aus dem Tanzunterricht im 9. Schuljahr vielleicht gerade noch einen Discofox hinbekommt. Höchstens irische Riverdancer vielleicht. Aber denen fehlt das lateinamerikanische Gemüt.

Brasilien – ein schnelles Land. Denkste!

Denn was fällt auf, wenn man etwas länger auf Entdeckungstour in Brasilien weilt? Eine erstaunliche Langsamkeit in den allermeisten Lebensbereichen. Am ehesten manifestiert sich das an der Supermarktkasse. Wir Deutsche sind ja die unglaubliche Effizienz der Kassierer an den ALDI-Kassen gewohnt. Meistens kommt man nicht mal mit dem Wieder-in-den-Einkaufswagen-Packen nach. Und man blickt manchmal angsterfüllt die lange Schlange an, die sich hinter einem formiert und bildet sich böse Blicke der anderen Kunden ein.

In Brasilien kann einem das nicht passieren. Die meisten Brasilianer kaufen, so scheint es, immer für die ganze Woche ein, oder aber es handelt sich um Großfamilien. Wie die das bei den hohen Lebensmittelpreisen schaffen sich über Wasser zu halten, ist eine andere Frage. Auf jeden Fall sind die allermeisten Einkaufswägen brechend voll und die Schlangen an den Kassen ellenlang. Die Kassierer lassen sich nämlich alle Zeit der Welt, schieben die einzelnen Produkte in aller Seelenruhe am Registrierer vorbei, machen eine kurze Pause, um sich mit der Kollegin an der Nachbarkasse zu unterhalten und schieben auch die Kreditkarten der Kunden so langsam wie möglich in das Kartenlesegerät. So mag das zumindest einem effizienzverwöhnten Deutschen vorkommen, der eigentlich nur preußische Tugenden vorzuweisen hat.

Und das erstaunlichste ist, dass sich niemand an dieser Langsamkeit stört! Ganz im Gegenteil nutzt der gemeine Brasilianer die verlorene Lebenszeit aus, um sich mit Wildfremden über Gott und die Welt zu unterhalten, oder, wenn man sich gerade in Rio befindet, welcher Fußballclub denn das nächste Mal Meister der brasilianischen Liga wird. Flamengo oder Fluminense? Ganz selten trifft man vielleicht auch auf Botafogo-Anhänger.

Hat man es dann endlich nach gefühlten 40 Minuten Wartezeit aus dem Supermarkt geschafft und will möglichst schnell seinen Nachhauseweg beginnen, wird man ebenfalls enttäuscht. Brasilianer schlendern sehr gerne sehr langsam die Fußgängerwege entlang, so gemächlich, als ob sie niemals einen festen Termin hätten (deswegen kommen sie wohl auch regelmäßig mindestens eine Stunde zu spät zu Verabredungen). Nachdem man dann etliche Brasilianer überholt hat und an der Bushaltestelle ankommt, geht es leider auch hier nur im Schneckentempo weiter. Erstens sind brasilianische Straßen dauerverstopft, auf jeden Fall in den größeren Städten, so dass die Busse nicht wirklich schnell vorankommen. Und zweitens tragen auch die Busfahrer selbst teilweise mit Schuld. Eine Freundin von mir hat dies mal abfällig so kommentiert: „O motorista é mole“ – der Busfahrer ist „weich“, soll heißen, er hält an jeder Straßenecke an, um noch Leute mitzunehmen, was die Fahrtdauer insgesamt erheblich verlängert. In Rio de Janeiro gibt es daher extra Busse mit der Aufschrift „rápido“ – schnell, die ebendies vermeiden und wirklich nur an den Bushaltestellen ihre Türen öffnen, und nicht bei jeder roten Ampel.

Doch hier muss man sagen, dass Langsamkeit auch was Nettes hat. Soll man sich denn immer so stressen lassen, wie das den Gerüchten zufolge die Menschen in São Paulo tun? Nein, die Cariocas in Rio, denen man im Gegensatz zu den Paulistanos eine gewisse Faulheit nachsagt, machen es schon ganz richtig, wenn sie das Leben ruhiger angehen lassen. Ein gesundes Maß an Langsamkeit beugt sicherlich Herzinfarkten vor. Da muss ich als guter Deutscher meine Hummeln im Hintern an der Supermarktkasse eben mal unterdrücken. Und dennoch: manchmal wünsche ich mir die Schnelligkeit des Sambas auch in anderen Lebenssituationen in Brasilien herbei.