Er fliegt zu den Aktionären nach Deutschland

Für den Konzern wird das Vorhaben teurer und teurer. Der sumpfige Untergrund. Unzuverlässige Baufirmen. Qualifizierte Arbeitskräfte sind schwerer zu kriegen als gedacht. Und die Proteste der Fischer machen alles mühsam. 2004 war noch von 1,3 Milliarden Euro an Investitionen die Rede. Die Summe wird erhöht. 2009 von 4,7 auf 5,2 Milliarden Euro. Auf der Aktionärsversammlung in Bochum im Januar 2010 räumt der damalige Thyssen-Krupp-Chef Ekkehard Schulz Versäumnisse ein.

In Bochum trifft Schulz auf einen Mann im Rollstuhl. Luís Carlos Oliveira, eingeladen von Rosa-Luxemburg-Stiftung und Linkspartei, ist nach Deutschland geflogen, ins Land dieses Konzerns, eine Welt, in der es die Kinderlähmung schon lange nicht mehr gibt und in der die Küstenfischerei fast verschwunden ist. Der Verband der kritischen Aktionäre überträgt ihm sein Rederecht auf der Aktionärsversammlung.

Am Rednerpult, an dem sich eigentlich Manager präsentieren, spricht nun ein Mann im grobgestrickten Wollpulli, auf dem Kopf ein Mütze. Der Fischer schildert, wie der Bau des größten Stahlwerks Lateinamerikas seine Existenz vernichtet habe.

Er ist den weitesten Weg seines Lebens gegangen, wann gibt es das schon, dass Betroffene aus dem Süden die Verantwortlichen aus dem Norden stellen. Er übergibt Schulz einen Fisch aus Stoff, "denn die echten Fische haben sie uns weggenommen". Der Manager bietet ihm einen Handschlag an, Oliveira verweigert ihn, die Aktionäre buhen.

Die deutschen Medien haben berichtet, aber dann war der Fischer wieder weg. Fünf Monate später weiht Brasiliens Präsident Lula da Silva das Stahlwerk ein, er preist es als Sinnbild für den "verantwortungsvollen und seriösen" Wachstumskurs.

2011. Gut eine Stunde mit der S-Bahn liegen zwischen Rios Stadtmitte und den westlichen Außenbezirken rund um die Sepetiba-Bucht. Bald erinnert nichts mehr an das wohlhabende Zentrum mit seinen Touristenattraktionen. Ärmliche, unkontrolliert gewachsene Siedlungen, von Aufschwung keine Spur.

Für die Landesregierung war es einfach, das Milliardenprojekt aus Deutschland im Industriegebiet von Santa Cruz durchzusetzen. Thyssen-Krupp CSA, die "Atlantikstahlgesellschaft", zu der die einheimische Bergbaugesellschaft Vale als Juniorpartner gehört, feierten die Medien als Prunkstück von Lulas "Wachstumsbeschleunigungsprogramm". In einer Thyssen-Krupp-Broschüre aus dem Jahr 2009 lobt Umweltschutzdirektor Gunnar Still die zügige Genehmigung der Fabrik in knapp zwei Jahren: "In Deutschland hätten wir ein Vielfaches dieser Zeit gebraucht". Bei der für die Lizenzen zuständigen Umweltbehörde revanchierte sich das Unternehmen mit einer Millionenspende für die Renovierung der Zentrale.

Im Fischerort Pedra de Guaratiba ist wenig los, in der Nachmittagssonne schaukeln heruntergekommene Boote in der Sepetiba-Bucht. Einer von Luís Carlos Oliveiras früheren Mitstreitern ist Isac Alves. Er trifft sich mit dem harten Kern der Aktivisten in Santa Cruz regelmäßig, sie melden sich mit Handzetteln und in einem eigenen Blog zu Wort. Im Vergleich zu früher fängt er heute bestenfalls ein Viertel, schätzt er. Vor Jahren hat er auch Touristen zu den Inseln auf der anderen Seite der Bucht gebracht. "Doch ebenso wenig wie die Fischerei hat der Tourismus hier noch eine Zukunft", meint er. "Vor fünf Jahren waren wir über 8.000 Fischer, heute sind es weniger als Tausend." Im Stahlwerk arbeiten nicht mal halb so viele Menschen, und nur wenige sind Einheimische.

Hinter dem Zaun donnern die langen Züge mit dem Eisenerz aus den Vale-Bergwerken im Bundesstaat Minas Gerais heran und verdecken vorübergehend den Blick auf das rot-grüne Hauptgebäude mit den qualmenden Schloten und dem Thyssen-Krupp-Logo. Direkt diesseits des Zauns erstreckt sich die erste Häuserzeile von Santa Cruz. Dem Reporter wird der Zutritt zur Anlage "aus Sicherheitsgründen" verwehrt. Seitdem sich selbst in der großen Tageszeitung O Globo kritische Artikel häufen, werden Journalisten noch mehr auf Abstand gehalten.

Grauer Staub dringt durch die Ritzen der Steinhäuser, in Betten, Küchen, Wohnstuben. Eunice da Silva kehrt ihn jeden Tag zusammen. Im Dezember und August 2010 kam es über Santa Cruz zum "Silberstaubregen". Das Umweltministerium von Rio verhängte Strafen in Millionenhöhe, drohte gar mit Schließung. Staatsanwälte beantragten Strafen, Urteile stehen noch aus.

Silberstaubregen? Toxische Gase, die die Gesundheit der Bevölkerung gefährden könnten, entstünden beim Betrieb von Stahlwerken gar nicht, schreibt Konzernsprecher Schneider aus Essen. So verhalte sich das auch im neuen Werk in Brasilien. Werde ein Hochofen angeblasen, sei es immer so, dass in der ersten Phase das Roheisen in Abkühlungsbecken gegossen werde. "Dabei kommt es zu Graphitstaubemissionen." Die Umweltbehörden seien vorab informiert worden, das Ganze habe sich lediglich im August 2010 ereignet. "Dafür haben wir uns bei den Nachbarn in Santa Cruz entschuldigt." Graphit sei völlig ungiftig. "Der Stoff aus dem Bleistifte produziert werden."

Die Einwohner von Santa Cruz nehmen das anders wahr. "Uns hat es mit Atemkrankheiten oder Allergien erwischt", berichtet Eunice Silva und zeigt die Küche, wo sie Töpfe und Teller mit Tüchern abgedeckt hat. Auch Hautausschläge, Bindehautentzündungen, Juckreiz und Lungenerkrankungen haben im näheren Umkreis der Fabrik zugenommen.

Die Hausangestellte Ivonete Martins bekam Wochen nach Beginn der Stahlproduktion eine Allergie, beide Beine schwollen an, die Ärzte waren ratlos, sie verlor ihre Arbeit. "Ich habe nur dahinvegetiert, nächtelang vor Schmerzen geschrien, an Selbstmord gedacht", ruft sie. "Ich sah aus wie ein Hund mit Lepra".

Schließlich bestätigte der 56-Jährigen ein Arzt, woran sie nie gezweifelt hatte: Die Allergie wurde wohl von dem Staub des Stahlwerks ausgelöst. "Von Thyssen hab ich nie etwas gehört, für die sind wir Armen ja keine Menschen", sagt die energische Frau. Sie hat sich erholt, aber Rücken und Beine sind von Narben gezeichnet.

Krebs? Thyssen-Krupp verklagt die Forscher

Die renommierte staatliche Fiocruz-Stiftung hat in ersten Untersuchungen auf die Risiken für die Bevölkerung hingewiesen. Im "Graphitstaub" stellten sie 24 chemische Substanzen fest, darunter giftige Schwermetalle. Drei Forscher verklagte Thyssen-Krupp im Oktober wegen "immaterieller Schäden", weil sie vor Krebs, Fehlgeburten und Nervenkrankheiten gewarnt hatten.

"Für diese Behauptungen gibt es weder eine medizinische, noch technisch-wissenschaftliche Basis", schreibt Erwin Schneider, Head of Communication aus Essen. "Noch einmal: Bei CSA ist die weltweit beste Technologie installiert, auch was die Umwelt betrifft."

Bei der Ombudsfrau von Santa Cruz haben 308 Familien über Gesundheitsschäden ausgesagt, die Staatsanwaltschaft reichte eine weitere Strafanzeige wegen Umweltvergehen ein. Um einen Untersuchungsbericht des Landesparlaments wird noch gerungen. Der Abgeordnete Marcelo Freixo, ein früherer Verbündeter Oliveiras, ist aus Europa zurückgekommen, wo er nach Drohungen Zuflucht gesucht hatte. Ein grüner Parlamentarier fordert, dem Multi die umfangreichen Steuergeschenke zu entziehen.

"Thyssen hat aber immer noch die besseren Karten", sagt die Ökonomin Karina Kato vom Institut für alternative Politik im südlichen Südamerika, die Oliveira nach Deutschland begleitet hat. "Das Projekt wird politisch gewollt."

Der Konzern hat sich nicht aufhalten lassen. Das Werk arbeitet. Das Erz rollt heran, der Stahl wird gekocht, wird gegossen, die Schiffe legen ab. Die Schornsteine rauchen. Der CO2-Ausstoß Rios hat sich schon jetzt um die Hälfte erhöht.

Für Luís Carlos Oliveira ist alles weit weg, seine Kontakte nach Santa Cruz werden spärlicher. Es gibt kein Zurück, daheim fragen Milizionäre nach dem Fischer im Rollstuhl, berichten ihm Eltern und Freunde. "Ich habe alles verloren, Haus, Auto, zwei Boote und vor allem das Recht, mich frei zu bewegen", sagt er. Er und mehr als 5.700 andere Fischer fordern von Thyssen-Krupp eine Entschädigung, doch die Klage steckt im Justizdschungel fest.

Ende November ist die Unterstützung durch das Schutzprogramm zunächst ausgelaufen, aber er ist zuversichtlich, dass er über die Runden kommt, er hat eine bescheidene Behindertenrente. Die Badesaison naht. Drei, vier Monate lang wird er viel Kokoswasser verkaufen. Er wünscht sich ein Grundstück am See, auf der anderen Seite der Stadt. Es wäre nicht das Meer, aber er könnte raus zum Fischen.

Gerhard Dilger, 52, ist Südamerika-Korrespondent der taz