Die Wahl fällt 2005 auf die Sepetiba-Bucht, die Heimat des Fischers Luís Carlos Oliveira.

"Sie haben für eine lange Brücke zum Hafen ein Stück unserer Mangrovenwälder zerstört, mit Krustentieren, Krabben und Laichgründen", erzählt er. "Dort, wo sie die Fabrik bauten, lebten und arbeiteten vorher 75 Landlosenfamilien. Die wurden von Milizen bedroht, dann entschädigt und hinauskomplementiert".

Mit seinen braungebrannten, kräftigen Armen treibt Oliveira den Rollstuhl den Bürgersteig entlang. Die Milizen. Ein düsteres Kapitel in der jüngeren Geschichte Rios. Auch in Santa Cruz begann es mit Polizisten, aktiven oder im Ruhestand befindlichen, die mit Rückendeckung von Lokalpolitikern und auch vieler Bewohner auf eigene Faust gegen Drogenhändler vorgingen. Das war in den Neunzigern. Dann begannen die Bewaffneten, bei der Bevölkerung Schutzgeld einzutreiben. Geschäftsleute mussten mehr zahlen. Dem deutschen Konzern, sagt Oliveira, hätten sich viele von ihnen als Werkschutz angedient.

Vor Oliveiras Haus erscheinen "Wachschützer"

Erwin Schneider ist Pressesprecher bei Thyssen-Krupp in Essen. Head of Communication, steht unter der Mail, in der er Stellung nimmt. "Lassen Sie mich vor Beantwortung Ihrer Fragen als Präambel Folgendes festhalten", beginnt sein Schreiben. In Santa Cruz betreibe Thyssen-Krupp mit seiner Tochterfirma CSA das modernste Stahlwerk der Welt. Sein Unternehmen handle nicht nur im Einklang mit allen Gesetzen Brasiliens, "sondern hält darüber hinaus die weltweit aktuellsten Umweltstandards ein".

Die Sicherheitsleute? Thyssen-Krupp CSA habe nie organisierte Banden oder Milizionäre auf dem Werksgelände beschäftigt, schreibt Schneider. Die Sicherheitsdienste würden von rechtmäßigen, renommierten Firmen ausgeführt. Sie gewährleisteten die Sicherheit der Menschen vor den Gefahren einer Großanlage. "Thyssen-Krupp versichert, dass sichergestellt ist, dass die Sicherheit und die körperliche Unversehrtheit aller Fischer und sonstiger Anwohner geschützt, respektiert und gewährleistet wird."

Die Umwelt? "Thyssen-Krupp CSA unternimmt alle Anstrengungen, um Fauna und Flora zu schützen." Zudem seien die Fischereigesellschaften der Region einbezogen worden. "Die überwiegende Mehrheit zeigte sich mit den Ergebnissen zufrieden."

Luís Carlos Oliveira hat es anders erlebt. "Thyssen hat einen großen Fehler begangen, anstatt am Anfang auf uns zuzugehen, haben sie die Mangroven zerstört, die Schwermetalle von einer Vorgängerfirma in der Bucht aufgewirbelt und uns wegen der Bauarbeiten am Fischen gehindert. Wir mussten protestieren und uns juristisch wehren".

Schwermetalle? Man trage keine Verantwortung für die Umweltsünden früherer Betriebe, entgegnet der Konzernsprecher. In der Bucht habe man extra ein modernes und teures Verfahren eingesetzt, um die Rückstände zu entfernen oder innerhalb unterirdischer Höhlen zu lagern. So sei erfolgreich verhindert worden, dass Rückstände aufgewühlt wurden.

2006 beginnt Thyssen-Krupp mit den Arbeiten am Projekt. Die Planer stoßen auf sumpfigen Grund. Als Maschinen und Gebäude versacken, werden unzählige Pfähle in den Boden getrieben. Bevor Stahl gekocht werden kann, wird erst einmal Stahl versenkt. Zehntausende errichten die Riesenanlage. Kokerei, Kraftwerk, zwei Gießanlagen, zwei Hochöfen, Hafen.

Auf Oliveiras Initiative kommt es zu Gesprächen mit den Bauherren, die Sicherheitsleute erkennt er als Verhandlungspartner nicht an. Da tauchen die "Wachmänner" vor seinem Haus auf. Dann wird ihm Geld fürs Aufgeben geboten. Er verlangt Abfindungen für alle Fischer. Nach einigem Hinhalten lehnen die Manager ab.

Die Proteste laufen, er erhält spätabends Drohanrufe, macht trotzdem weiter. Es ist schwer, einen Mann aufzuhalten, der gegen eine Lähmung kämpft, seit er zwei Jahre alt ist.

Aber nicht unmöglich.

Am Vormittag des 8. Februar 2009 hält mitten in der Stadt ein Auto neben Oliveira. Aus dem halb heruntergelassenen Fenster zeigt der Beifahrer dem Fischer eine Pistole. Die Geste ist unmissverständlich. Er packt ein paar Kleider und Papiere ein und nimmt den nächsten Bus - seither ist er nie mehr nach Santa Cruz zurückgekehrt.

Luís Carlos Oliveira kommen die Tränen, als er von diesem Tag erzählt. Er sitzt jetzt am Stand, vor sich die Kokosnüsse. Hin und wieder bohrt er eine auf und schüttet den Inhalt in einen kleinen, gekühlten Tank. Doch in der Vorsaison ist die Kundschaft spärlich. Deshalb knüpft er auch Fischernetze, er lässt das Schiffchen durch die Maschen sausen.