Und Luís Carlos Oliveira sieht heute aus wie der klassische Globalisierungsverlierer. Aber er hat hartnäckig gekämpft, er ist sogar nach Deutschland gefahren und was er und die anderen Fischer angestoßen haben, hört und hört nicht auf. Die Auseinandersetzung nervt den Konzern auch ein Jahr, nachdem die Hochöfen angeblasen wurden. Man kann die Gereiztheit herauslesen, wenn der Pressesprecher von Thyssen-Krupp aus Essen mailt, dass es eine kleine Minderheit sei, die gegen das Stahlwerk agitiere. "Mit immer gleichen Vorwürfen, die jeglicher Grundlage entbehren."

Dass Oliveira sich als einer der ersten gegen die Übermacht gestellt hat, dass er sich nicht binden lassen wollte, hängt auch mit seiner Geschichte zusammen.

Als Junge bekam er den Polio-Virus. Die Kinderlähmung hat sich ausgebreitet, er wurde operiert und erfuhr, dass er im Rollstuhl leben würde. Gefesselt. Als er neun war, hievten ihn sein Großvater und sein Onkel ins Boot und brachten ihm die Handgriffe bei, die man benötigt, um einen ordentlichen Fang zu machen. Mit 14 fuhr er im eigenen Boot auf die Lagune, mit 18 auf hohe See und mit 35 war er Kapitän des kleinsten Thunfischbootes Brasiliens. Wochen verbrachte er auf dem Atlantik.

Er erzählt gut gelaunt, lächelt, schwärmt. "Das Tollste am Fischen ist die Freiheit."

"Jetzt geht es ihm richtig gut", sagt Rose, eine resolute Frau, die tagsüber abwechselnd mit ihm frisches Kokoswasser an Passanten verkauft. "Aber in den ersten sechs, sieben Monaten war das anders", erinnert sie sich, "da hat er oft gezittert und unter Schlaflosigkeit gelitten". Damals half ihm eine Psychologin des Schutzprogramms.

Später, am Hafen, fachsimpelt er mit anderen Fischern über Lokalpolitik. War er schon früher ein politischer Mensch? "Eigentlich nicht, aber immer wieder habe ich meine Kollegen organisiert, damit uns die Zwischenhändler nicht gegeneinander ausspielen konnten."

Im Jahr 2000 kauft er in seiner Heimat Santa Cruz neben dem Haus seiner Eltern ein Grundstück und zieht in die eigenen vier Wände. An einem guten Tag fangen die Fischer zu zweit bis zu 700 Kilo. Pläne entstehen. Sie wollen eine Fabrik für Kühleis bauen und eine zur Fischverarbeitung, dazu eine Berufsschule für ihre Kinder. Doch es kommt anders. 2006 erfährt Oliveira, dass eine deutsche Firma einen Kanal ausbaggern lässt.

Thyssen-Krupp ist ein Milliardenkonzern, er macht Stahl und vieles, was daraus gebaut wird, Raffinerien, Fahrstühle, Luxusyachten, Kriegsschiffe. Standorte in aller Welt, 180.000 Mitarbeiter, 42 Milliarden Euro Umsatz. Es ist ein Gebilde, in dem die Linien der drei deutschen Dynastien Thyssen, Krupp und Hoesch zusammen laufen und der jetzt den Anschluss an die Großen der Welt nicht verpassen will.

Im Boom der Weltwirtschaft, als die Nachfrage nach Stahl steigt, entwickeln die Manager eine Strategie. Statt das Eisenerz um die Welt zu schicken, wollen sie es gleich an Ort und Stelle zu Stahl kochen, in Brasilien, wo sich riesige Lagerstätten befinden. Von den Minen im Landesinneren soll das Erz mit der Eisenbahn zu einem neuen Stahlwerk an der Küste rollen, wo obendrein die Löhne billig sind. Die kolumbianische Kokskohle für die Hochöfen wird an einem eigenen Hafen angelandet, von dem wiederum der Stahl zur Weiterverarbeitung nach Deutschland und in die USA verschifft wird.