Es gibt noch eine andere Studie. Darin haben die Naturschützer vom WWF errechnet, dass sich Brasilien 14 Kraftwerke vom Typ Belo Monte sparen könnte, wenn es in eine effizientere Verwendung seiner Energie investieren würde.

Es ist ein Irrsinn, sagen viele, dass das Kraftwerk aufgrund der langen Trockenzeit nur während drei Monaten im Jahr vollständig ausgelastet sein wird. Im Jahresdurchschnitt produziert es gerade mal ein Drittel dessen, was es produzieren könnte, wenn der Fluss die ganze Zeit voller Wasser wäre. Wohl auch deshalb, vermuten sie, haben sich die drei größten Baufirmen des Landes aus dem Konsortium zurückgezogen, Odebrecht, Andrade Gutierrez und Camargo Corrêa. Weil es sich für sie nicht rechnet, sind sie jetzt Dienstleister und nicht mehr Teilhaber.

Es gibt viele Argumente, die gegen Belo Monte sprechen, gute Argumente, aber dennoch sieht es so aus, als schwinde Renata Pinheiros Kraft. In Chile waren im Frühjahr jede Woche 40.000 Menschen auf der Straße, um gegen einen Staudammbau zu protestieren. Wenig später gab in Peru der Präsident dem Druck der Straße nach und setzte den geplanten Bau des Inambari-Staudamms aus. In Brasilien liefen an einem Sonntag Anfang Juli kaum 2.000 Menschen gegen das Projekt Belo Monte durch São Paulo, während zeitgleich zwei Millionen Evangelikale bei einer Prozession durch die Straßen zogen.

»Uns ist die Basis weggebrochen«, sagt Pinheiro, und sie meint damit nicht die Leute, die in Altamira vor den Büros von Norte Energia Schlange stehen, um sich auf eine Stelle zu bewerben. »Die Spaltung reicht viel tiefer«, sagt sie, und das liegt auch an dem doppelzüngigen Lula, dem großen Übervater, der inzwischen als Generalsekretär der Vereinten Nationen gehandelt wird.

Vor gut zwei Jahren gab es ein denkwürdiges Treffen im Präsidentenpalast von Brasília, an dem auch Ozimár Juruna teilnahm, der gerade den Dorfältesten als Sprecher der Gemeinschaft gegen Belo Monte abgelöst hatte. Über eine Stunde trugen sie Lula ihre Argumente vor, und Lula war sprachlos. Das alles, sagte er, geschehe ohne sein Wissen. Dann versprach er, das Kraftwerk werde ohne eine Anhörung der Indianer nicht gebaut. »Ich werde es euch nicht in den Hals stopfen«, mit diesen Worten wurde Lula in Zeitungen zitiert. Das war im Juli 2009. Im November folgte der große Stromausfall. Im Sommer 2010 kam Lula ins Sportstadion von Altamira, um ein paar Dinge klarzustellen.

Abgeschirmt von hundert Polizisten, sprach er über ein Programm seiner Regierung, das sich »Licht für alle« nennt. Lula sprach von der Wichtigkeit des Bergbaus, von Belo Monte, von neuen Kraftwerken am Rio Tapajós. Dann spottete er über die Demonstranten, die draußen vor dem Stadion standen. »Es sind junge, irregeleitete Idealisten«, rief er, die so naiv seien, wie er es selbst früher gewesen sei. Als Kind, erklärte Lula, habe er gedacht, dass ein Staudamm die Erdachse verschieben könne. Er lachte, und dann spielte er auf den Hollywood-Regisseur James Cameron an, der sich bei der Widerstandsgruppe Xingu Vivo engagiert. »Wir brauchen keine Gringos«, sagte Lula, »die ihre Nase in Dinge stecken, die sie nichts angehen.« Hugo Chávez, der Präsident Venezuelas, hätte es kaum drastischer formuliert.

Es war eine Kehrtwende.

Es waren die sozialen Bewegungen, die Lula vor neun Jahren an die Macht gebracht hatten, all die Bauerngruppen, Landlosenvereinigungen, Studenten, die sich für Indigene oder Umweltrechte einsetzten. Lula, der frühere Gewerkschafter, gab ihnen Einfluss, plötzlich zählte ihr Wort, aber ebenso hingen sie finanziell an seinem Tropf. Deshalb schwiegen sie, wenn ihr Präsident die Nähe zu Wirtschaftsbossen suchte. Wenn er zusah, wie die Sojaindustrie den Regenwald platt walzte. Sie schwiegen, als Marina Silva, eine Ikone der Bewegung, als Umweltministerin zurücktrat, weil sie nicht mehr das Alibi der Regierung sein wollte. Und so schwiegen sie auch jetzt, im Stadion von Altamira.

»Sie haben den Fluss verkauft, um selbst zu überleben«, sagt Renata Pinheiro, die man damals nicht ins Stadion ließ. Erst kürzlich, sagt sie, habe sie einen Abgeordneten von Lulas Partei getroffen, einen Mann, der Zé Geraldo heißt und 30 Jahre lang ein Kopf des Widerstandes war. Der Fluss wird sterben, sagte Pinheiro, aber Geraldo entgegnete, er schaffe Leben, er produziere Energie.