Später erzählt Ozimár, dass Vertreter von Norte Energia beim Dorfältesten in der Hütte waren, vor gut zwei Jahren. Sie hätten ihm Geld bezahlt, 10.000 Reais, rund 5.000 Euro, damit er das Dorf in eine Richtung lenkt, in der man miteinander klarkommt. Niemand habe davon gewusst. Er habe sich gewundert, sagt Ozimár, als der Dorfälteste plötzlich mit einem Boot aus Altamira kam, das größer war als die Boote der anderen. Er trug auch eine neue Armbanduhr. Als ein Mann von Norte Energia den Dorfbewohnern bei einem späteren Besuch erklärte, dass das Geld für alle bestimmt gewesen sei, kam es zum Streit. Ehen, sagt Ozimár, seien zu Bruch gegangen, Familien seien weggezogen. »Früher«, sagt er, »war bei uns ein Stein ein Stein. Heute ist es so, dass etwas an einem Tag ein Stein ist und am nächsten Tag ein Stück Holz.«

Der Ingenieur Rufato nannte das Kraftwerksprojekt Belo Monte den »Ablösungsprozess mit den wenigsten Konflikten«.

Überall, hört man, seien seine Leute derzeit unterwegs, man hört es in den Dörfern entlang der Transamazônica, bei den Rinderfarmern in der Senke, bei den Flussanrainern. Sie zählen Bäume, Viehbestände, Boote, und dann bieten sie eine Summe, um die Menschen leise von ihren Grundstücken zu entfernen. Überall werden Keile in Dorfgemeinschaften getrieben, reden Menschen nicht mehr miteinander, nur noch übereinander. Paquiçamba wirkt wie ein Dorf, das seinen inneren Kompass verloren hat, ideenlos, orientierungslos. Wie will Renata Pinheiro diesen Ort in ein Widerstandsnest verwandeln?

Ein paar Tage später sitzt sie, die ihre Kollegen »das Mädchen mit dem weißen Laptop« nennen, in ihrem Büro in Altamira und versucht, ein großes Boot zu finden, mit dem man die Juruna in die Stadt bringen könnte, am Tag der großen Demo.

»Und?«, fragt ihr Kollege Ruy, der sich bis vor Kurzem als Musiker in einer Band versucht hat und jetzt die Pressearbeit erledigt.

»Wieder nichts«, sagt Pinheiro. »Dieser hier hat seine Boote letzte Woche zum doppelten Preis an Norte Energia verkauft. Sie brauchten ein Geschenk, für irgendein Dorf unten am Fluss.«

Pinheiro lächelt gequält.

Zwei Jahre ist sie jetzt in Altamira, und sie sagt, sie habe sich das alles nicht so schwierig vorgestellt. Pinheiro ist Umweltwissenschaftlerin, sie hat in Kanada studiert und dann in Mato Grosso mit Indianern gearbeitet, ehe sie beim Weltsozialforum in Belém auf Bischof Kräutler traf, der ihr den Job bei Xingu Vivo vermittelte, einer kleinen Nichtregierungsorganisation, die seit Jahren gegen Belo Monte kämpft. Renata Pinheiro hat ihren Freund verlassen, »für die Ideologie«, sagt sie. Sie wollte etwas Gutes tun und dachte, mit all den Argumenten, die sie habe, werde dieser Kampf zu gewinnen sein.

Das Programm des Staatspräsidenten Lula hieß »Licht für alle«

Sie steht auf und zieht eine Studie aus dem Regal, die 42 renommierte brasilianische Wissenschaftler geschrieben haben. Darin ist die Rede von Hunderten Fischarten, die der Damm in ihrer Wanderung behindert, von 100.000 Schildkröten, die ihn nicht überleben werden. Es wird ausgeführt, dass die Energie, die durch die Wasserkraft gewonnen wird, kaum sauberer ist als die aus Kohle oder Öl gewonnene, weil die Bäume, die am Grund der Stauseen im Wasser faulen, riesige Mengen an Methan freisetzen. Wenn das Kraftwerk eines Tages steht, werden die Ingenieure weiterziehen. All die Fahrer aber, die Friseure, Wachmänner und Köche werden bleiben, ohne Arbeit, ohne Perspektive. Es wird so sein wie in Balbina und in Tucuri, sie gehen in den Wald, holen das Mahagoni, und dann roden sie die Reste und stellen ein paar Rinder auf die Wiese. Auch wegen dieser Studie, sagt Pinheiro, ist im Januar der alte Chef des Umweltamtes zurückgetreten.