Seit die brasilianische Militärregierung vor 30 Jahren das Projekt zum ersten Mal erwähnte, weckt es Ängste. Damals waren sechs Staustufen geplant, ihr Arbeitstitel war »Kararaó«, ein Ausruf, mit dem die Kayapó in ihre Schlachten zogen. Eine Kriegserklärung. Ende der achtziger Jahre ging ein Foto um die Welt, das eine Kayapó-Frau zeigte, wie sie dem Chef des staatlichen Energiekonzerns die stumpfe Seite ihrer Machete durchs Gesicht zog. Es gab ein Konzert in Altamira, bei dem sich der britische Popsänger Sting mit den Indianern solidarisierte. Kräutler führte Gespräche mit der Weltbank, und irgendwann wurde der Druck so groß, dass das Ausland seine Kredite für den Bau zurückzog.

Erst Lula, der lange Zeit an Kräutlers Seite gegen den Damm gekämpft hat, holte die Pläne wieder hervor. Nach zahllosen Gerichtsverfahren, nach Dutzenden Studien blieb von den ursprünglich geplanten sechs Staustufen noch eine übrig, Belo Monte. »Um wachsen zu können«, sagte Lula in seiner väterlichen Art, »brauchen wir Energie. Wir machen möglich, was vor 30 Jahren noch nicht möglich war.«

Heute braucht Brasilien keine Weltbank mehr, keine Kredite aus dem Ausland. Die zehn Milliarden Dollar, die der Staudamm kosten soll, kommen von der staatlichen Entwicklungsbank, aus Pensionsfonds, aus dem sogenannten PAC, einem 380 Milliarden Euro schweren Investitionsprogramm zur Beschleunigung des Wirtschaftswachstums, mit dem Brasilien auch den Bau eines Schnellzugs zwischen Rio und São Paulo finanziert und fünf Atom-U-Boote, die Brasiliens Ölreserven schützen sollen. Dilma Rousseff hatte den Pensionsfonds verwaltet, ehe sie im Januar dieses Jahres das Präsidentenamt von Lula übernahm.

Im selben Monat trat der Chef des Umweltamts zurück. Er hatte Bedenken, dem Bau von Belo Monte zuzustimmen. Wenig später genehmigte sein Nachfolger das Projekt.

Im Jahr 2014 trägt das Land die Fußball-WM aus, 2016 folgt Olympia, und die Welt soll dann auf Brasilien blicken, den Herrscher über die Flüsse. Belo Monte, heißt es, sei wichtiger als all die neuen Fußballstadien. Es ist der Spiegel, vor den Brasilien tritt, um sich herauszuputzen für die weltumspannende Party, der Spiegel, in dem das Land sich selbst erkennt, seine Größe, seine Reife.

In Amazonien, am Fluss Xingu, erkennt man all die Widersprüche eines Landes, das sich, angetrieben vom Durst nach Rohstoffen und Zukunft, immer tiefer in die eigenen Provinzen dehnt, in Gegenden, in denen es gegen die eigene Tradition kämpft. Tief in seinem Innern trifft man auf Menschen wie Ozimár Juruna, die keinen Begriff von Wirtschaftswachstum haben.