3.000 Menschen, die eine Arbeit suchen, kommen jetzt jeden Monat neu hinzu, die meisten aus dem armen Norden. Die Bürgermeisterin, eine ehemalige Schönheitskönigin, sagt, die Stadt bemühe sich, ihnen Rückfahrtickets auszustellen. Sie wüssten nicht, wohin mit diesen Leuten, die Krankenhäuser seien überlastet. Viele haben angefangen, die Hügel an den Rändern Altamiras abzufackeln. Überall entstehen neue Siedlungen, wuchern die Favelas. Dann geht das Gerücht um, die Kayapó seien gekommen.

Die Kayapó sind das berüchtigtste Indianervolk Brasiliens, 6.000 Menschen, die ihren Ruf als stolze Krieger in die neue Zeit gerettet haben. Eine Kayapó war es, die dem Chef der Energiefirma Ende der achtziger Jahre ihre Machete durchs Gesicht zog. Es waren Kayapó, die einem Ingenieur von Norte Energia auf einer Versammlung das Hemd durchschnitten und ihn an den Haaren aus dem Saal schleiften. Der Fluss ist das Haus unserer Götter, sagen die Kayapó, die anders als die Juruna noch immer leben wie vor 100 Jahren, 1.000 Kilometer weit entfernt vom Damm. Sie treibt die Angst nach Altamira, dass die alten Pläne aktuell werden, wenn das Kraftwerk erst mal steht. Es geht ihnen ums Prinzip.

Vor ein paar Wochen standen sie im Hof eines Hotels nahe dem Flussufer, fünf Indianer, die nichts als eine Hose trugen, langhaarige, bemalte Männer, über deren dicke Kugelbäuche breite Narben liefen. Sie saßen auf Plastikeimern, tranken Cola und schnorrten alle zehn Minuten eine Zigarette. Ruy war dabei, der Musiker der Organisation Xingu Vivo, und er stöhnte. Er hatte ihnen Essen gebracht, am nächsten Tag besorgte er ihnen T-Shirts, eine Machete und fünf Hängematten, die sie jetzt auf einer Sandbank ausgebreitet haben.

Es ist Nacht, ein Lagerfeuer brennt. Es ist die Stelle, an der bald eine Mauer aus Beton stehen wird. Eigentlich waren sie gekommen, weil die Juruna sie gerufen hatten, aber die Nachricht, dass die Juruna zu ihren Verwandten abgereist sind, kam zu spät. Jetzt wollen sie einen Ort finden, an dem sie ein Protestcamp bauen können. Tausend Kayapó sollen dort leben, dauerhaft, gleich neben dem Damm, sagt Niangao Kayapó, der Anführer der fünf Männer.

Niangao ist ein Mann mit feinen Gesichtszügen, er trägt eine Brille. An seinem Gürtel steckt eine Digitalkamera. Niangao, der das Konzert mit Sting organisierte, ist heute Sprecher aller Indianervölker im Bundesstaat Pará. Auch deshalb, sagt er, sei er hier, aus einem Verantwortungsgefühl.

Er sagt: »Ich spüre eine Wut in mir. Ich spüre, dass es Tote geben wird. Arbeiter und Indianer. Der Fluss wird bluten.«

Wann wird das Protestcamp stehen?

»Es wird noch dauern«, sagt Niangao. »Wenn Deutschland zahlt, könnte es schneller gehen.«

16.000 Dollar hat es die Initiative gekostet, die fünf Indianer vom Oberlauf hierherzubringen, die Flüge, die Miete für das Boot, der Sprit. Das Camp, schätzt Niangao, koste eine halbe Million Dollar. Es ist Geld, das sie nicht haben. Wenn Deutschland zahlt – Niangao sagt es so, als wäre eine halbe Million Dollar eine Hängematte, die man schnorren könnte. Als sei es eine Selbstverständlichkeit, dass die Weißen weiter für ihre Schuld bezahlen. Niangao hat nicht mitbekommen, dass sich die Welt verändert hat.

Das Kapital der Indianer, das Mitleid, das die Welt mit ihnen hatte, ist aufgebraucht. Brasilien ist zu groß geworden. Es ist heute kein Dritte-Welt-Land mehr, bei dem man es sich leistet, auf die Einhaltung der Menschenrechte hinzuweisen. Es ist ein Geschäftspartner, bei dem man über manche Dinge schweigend hinwegsieht.

Am nächsten Morgen brechen die fünf Indianer schon bei Sonnenaufgang auf. Sie gleiten mit der Strömung von der Sandbank an das Ufer. Dann nehmen sie ihre Speere, laufen eine Biegung hoch und blicken sich um: eine Hüttensiedlung von Norte Energia, in der Bauarbeiter wohnen, daneben eine Wiese. Dies soll der Ort sein, an dem ihr Lager stehen wird. Sie gehen auf die Hütten zu. Ein Wachmann öffnet das Gatter. Auf einer Veranda bilden sie einen Kreis und führen einen Kriegstanz auf. Niangao schreit etwas, das sehr entschlossen klingt. Etwas abseits steht der Chef der Bauarbeiter. Er wartet höflich, bis sie fertig sind. Dann fragt er: »Kaffee?«

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