»Verräter«, murmelt sie.

Pinheiros Organisation hat sich losgesagt von den anderen Gruppen, die Lulas Kehrtwende gefolgt sind. Ihr altes Büro mussten sie kurz nach Lulas Stadionauftritt räumen. Jetzt haben sie drei dunkle Räume, gegenüber einem Hotel, in dem der Konzern Norte Energia seine Gäste unterbringt. Sie sind zu dritt, Pinheiro, Ruy und André. Antônia Melo, die Gründerin der Initiative, schleicht nur noch wie ein Geist durch das Büro. Einen anderen Kollegen, der Depressionen hat, haben sie ins Sabbatical geschickt. Ein Mitarbeiter, der eigentlich im Juli neu beginnen sollte, ist bis heute nicht bei ihnen aufgetaucht.

Es ist ein Phänomen, das nicht nur Altamira lähmt. Überall scheint es, als löse sich etwas auf, als zerfalle das, was mal die Opposition war, ein kritischer Geist, der Dinge anders sieht, der Alternativen sucht. Es scheint, als sei es inzwischen nicht mehr möglich, der Wachstumspolitik, die in den letzten Jahren drei Millionen Jobs geschaffen hat, etwas entgegenzusetzen, einem Mann, der am Ende seiner Amtszeit als Staatspräsident 90 Prozent Zustimmung hatte, einer Frau, die auf seiner Welle weiterreitet. Wer dem nicht folgen will, der fällt aus dem System. Es ist, als wäre Brasilien ein Einparteienstaat.

»Die Leute tauschen ihre Ideale gegen Autos oder Studienplätze der Kinder«

Eigentlich müsste ihr Kampf in die heiße Phase gehen, aber Renata Pinheiro sagt, sie wolle weg aus Altamira, sie könne nicht mehr. »Die Leute«, sagt sie, »tauschen ihre Ideale gegen Autos oder gegen Studienplätze für die Kinder. Jeder Einzelne hat seinen Preis, es ist aussichtslos.«

Was hilft jetzt noch?

»Wenn jetzt noch etwas hilft«, sagt sie, »dann die totale Konfrontation. Man brauchte Bilder, die ausländische Regierungen wachrütteln.«

Renata Pinheiro hat an diesem Tag kein Boot mehr aufgetrieben. Später erfährt sie über Funk aus Paquiçamba, dass sie keines mehr brauchten. Ozimár sagt ihr, dass die Juruna ihren Plan geändert hätten: Anstatt zur Demo fahren einige von ihnen jetzt zum Oberlauf, wo ein paar Juruna leben, die sich im vergangenen Jahrhundert abgespalten haben. Ozimár sagt, sie wollten ihre Sprache lernen. Wieder ein paar Tage später erfährt Pinheiro, dass das Steuerungskomitee von Norte Energia eine Woche später tagen soll. Das heißt, sie müssen umplanen, neue Flyer drucken, und auch mit ihrer Straßenblockade ist Pinheiro noch nicht weiter. Sie brauchte jemanden, der sie darüber informiert, wann das nächste Floß von Norte Energia aufbricht, um Maschinen anzuliefern, aber sie findet niemanden, der Zeit hat.

Draußen, in den Straßen vor ihrem Büro, öffnen neue Rechtsanwaltskanzleien. An der Uferpromenade hat ein Fitnessstudio aufgemacht. Überall hängen jetzt die neuen Straßenschilder, es gibt 108 neue Ampeln, 150 neue Polizisten, und am sogenannten Tag des Taxifahrers, den man in Altamira feiert, spendiert Norte Energia jedem Fahrer hundert Liter Benzin.

Der Stadtplaner, ein ehemaliger Goldsucher und Bruchpilot der Luftwaffe, sagt, man solle in zwei Monaten noch einmal wiederkommen, dann werde man Altamira nicht mehr wiedererkennen.

Wie wird die Stadt dann aussehen?

»Wenn ich das wüsste«, sagt er. »Alles passiert gleichzeitig. Planning by doing.«