Der beste Redner des Dorfes Paquiçamba, gelegen an der Großen Schleife des Flusses, in die das Land Brasilien die drittgrößte Staumauer der Welt bauen will, blickt den Schmetterlingen nach, die über das Wasser flattern. »Ich weiß zwar, wie es ist, wenn man sich im Wald verläuft«, sagt Ozimár. »Aber ich war nie im Krieg. Mein Bogen hängt in meiner Hütte, die Sehne ist gerissen, trotzdem werde ich kämpfen. Mein Leben gäbe ich für diesen Fluss. Ich brauche nur eine Idee.«

In der Welt brasilianischer Politiker ist ein Fluss, der einfach fließt, ein ungenutztes Potenzial. Er ist Energieverschwendung, vielleicht sogar eine Gefahr. Als in der Nacht vom 10. auf den 11. November 2009 in 18 brasilianischen Bundesstaaten für mehrere Stunden der Strom ausfiel, saßen 40 Millionen Menschen im Dunkeln, in Rio de Janeiro steckte die Metro fest, Telefone fielen aus, die Bänder in den Fabriken standen still. Für ein Land, das von sich selbst erwartet, bald zu den größten Wirtschaftsnationen der Welt aufzuschließen, war es ein GAU. Der Aufschrei war so groß, dass Luiz Inácio Lula da Silva, der damals Präsident des Landes war, handeln musste.

Lula erklärte den seit 30 Jahren geplanten, aber niemals umgesetzten Bau des Wasserkraftwerks Belo Monte zur Chefsache.

35 Millionen Haushalte soll das Kraftwerk, wenn es 2019 vollständig ans Netz angeschlossen sein wird, mit Strom versorgen. Es soll Energie liefern für die Bürotürme der großen Städte, die Fabriken, die das Bauxit, das in den Minen Amazoniens gefördert wird, in Aluminium verwandeln. 11.300 Megawatt soll Belo Monte liefern. Nur das im Grenzgebiet zu Paraguay gelegene Itaipú-Kraftwerk und der chinesische Drei-Schluchten-Staudamm leisten noch mehr.

Der Fluss soll am Eingang der Großen Schleife mit einem sechs Kilometer breiten Damm gestaut werden. Es geht um die Beschleunigung des Wassers, das die Turbinen in Bewegung setzt. Auf der Karte sieht es aus, als würde man die Sehne eines Bogens spannen, wobei die Sehne ein Kanal ist, für dessen Bau mehr Erde ausgehoben wird als zu Beginn des 19. Jahrhunderts beim Panamakanal.

»Ein Monument des Wahnsinns«, sagt Erwin Kräutler, der Bischof ist in Altamira, einer staubigen Provinzhauptstadt, die bald am Ufer eines Stausees liegen wird, der die Ausmaße des Bodensees erreicht. 30.000 Menschen werden umgesiedelt, Rinderzüchter, Kleinbauern, die jetzt noch im Gebiet der Senke leben, die Indianerstämme der Juruna und der Arará, deren Dörfer heute noch in jenem Bogen des Xingu liegen, durch den demnächst nur noch ein Fünftel der eigentlichen Wassermenge fließen soll. Erwin Kräutler, ein Österreicher, der im vergangenen Jahr, auch wegen seines Einsatzes gegen den Damm, mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden ist, sagt, es werde Folgen haben, für die Fischbestände, den Wald, für Altamira, wo bald 300.000 Menschen leben werden, dreimal so viele wie heute. »Dieser Damm«, sagt er, »ist eine soziale Bombe.«