Erst waren alle dagegen, im Amazonasgebiet Brasiliens das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt zu bauen – die Umweltschützer, die Indianer, der Staatspräsident. Plötzlich schwindet der Widerstand. Wie haben die Stromkonzerne das hinbekommen?


© Fernando Bizerra/dpa

Demonstranten protestieren gegen den Bau des Wasserkraftwerks Belo Monte im brasilianischen Amazonas-Gebiet.

In der Welt des Ozimár Juruna ist ein Fluss etwas, das fließt. Der Fluss, wie Ozimár ihn sieht, liegt in seinem Bett, ruhig und friedlich. So lag er schon da, als Ozimárs Vorfahren die Ufer des Xingu besiedelten, hier, in der großen Schleife, die der Xingu macht, ehe er zwei Tagesreisen nördlich in den Amazonas mündet. Die Indianer vom Stamm der Juruna, sagt man, seien entstanden aus dem Fluss, vor vielen Hundert Jahren. Die Juruna haben ihn verteidigt gegen die Kayapó, die Arará, es waren blutige Kriege, die Seelen ihrer Toten leben in den Felsen. »Der Fluss«, sagt Ozimár, »ist etwas, das man achten muss, man setzt dort keine Mauer aus Beton hinein.«
Anzeige

Nebelschwaden hängen in der Morgendämmerung. »Ich habe keine Angst«, sagt er. Ozimár steuert sein Kanu zwischen Büschen hindurch, die blühend aus dem Wasser ragen. Mit präzisen Bewegungen schlängelt er sich durch den Schaum der Stromschnellen, durch Sandbänke, die unsichtbar unter der Wasseroberfläche liegen. Ozimár war noch ein Kind, als ihn sein Vater in die Kunst des Navigierens einweihte, der Vater hatte sie vom Großvater gelernt, als ein Juruna nur ein Kanu brauchten, um zu überleben, ein Ruder, einen Pfeil, einen Bogen. »Meine Frau«, sagt Ozimár, »hat mehr Geheimnisse vor mir als dieser Fluss.«

»Ich gehe hier nicht weg«, sagt er.

Ozimár Juruna, der vor etwa 42 Jahren in einer palmbedeckten Hütte am Flussufer geboren wurde, ist ein kleiner, drahtiger Mann, in dessen Augen sich das Wasser spiegelt. Jeden Morgen fährt er raus zum Fischen, jeden Nachmittag geht er zur Jagd oder aufs Feld. Es ist ein einfaches Leben, das im friedlichen Rhythmus des Xingu dahinfloss, bis die Männer seines Dorfes während einer Versammlung auf ihn zeigten. Ozimár, sagten sie, ist unser bester Redner. Er soll uns anführen im Kampf gegen dieses Monster, das hier, am Unterlauf, den Fluss austrocknen wird. Seitdem, sagt Ozimár, ist nichts mehr, wie es war.

In diesen Tagen erreichen ihn über den Funkkontakt, der sein Dorf zweimal am Tag mit der Welt verbindet, irritierende Nachrichten. Zwei Stunden stromaufwärts, heißt es, errichteten die ersten Arbeiter ihre Camps. Flöße kämen, beladen mit gewaltigen Maschinen. Ozimár weiß: Wenn er jetzt nicht handelt, dann schafft die Regierung Fakten.

»Wenn die Krawatten ernst machen«, sagt er, »dann werden hier, unterhalb der Mauer, die Fische sterben, die Bäume in den Wäldern, die der Fluss ernährt, und wenn die Bäume sterben, dann sterben die Tiere, die von ihren Früchten leben. Wir werden nicht mehr jagen können, nicht mehr fischen. Wir kommen nicht mehr in die Stadt.«

Er macht eine Pause.

»Dieser Fluss ist alles, was wir haben.«

Und nun?