Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff ist erst drei Monate im Amt. Für viele ist die Präsidentin Brasiliens nur eine Marionette ihres Vorgängers Lula da Silvas,

der in vier Jahren wieder antreten will. Doch der Schein trügt.

Deutschlandfunk - Eine Welt - 26.03.2011, Von Julio Segador

Dass ein anderer Wind wehen würde, war den Mitgliedern des brasilienischen Kabinetts noch am Tag der Vereidigung der neuen Präsidenten klar. Als manche noch mit Sektglas und Häppchen in den Gängen des Regierungsgebäudes in Brasilia Small-Talk hielten, rief Dilma Rousseff zur ersten Kabinettssitzung. Und Roberto Gianetti da Fonseca, politischer Analyst beim mächtigen Industrieverband FIESP - der nicht gerade zu den Verbündeten der linksgerichteten Präsidentin zählt - er hat beobachtet, dass Rousseff diesen Kurs strikt beibehält.
"Dilma Rousseff zeigt Qualitäten und Tugenden, die sehr gut sind. Sie schuftet regelrecht. Sie ist eine Technokratin, eine Arbeiterin, die nie müde wird. Arbeitet mindestens 12 Stunden am Tag und zeigt dabei viel Talent für die Koordinierung. Sie definiert Ziele und fordert Ergebnisse. Sie gibt Zeitfenster vor und ist dabei deutlich strenger als Präsident Lula."
Da ist er, der Name des populären und beliebten Ex-Präsidenten Lula da Silva. Als der bärtige Sozialist am 31.Dezember abtrat, glaubten nicht wenige, Dilma Rousseff würde eine Marionette sein, seine Marionette. Kein Wunder. Lula verließ den Präsidentenpalast mit einer Popularität von mehr als 80 Prozent. Schon wurde gemunkelt, dass er in vier Jahren wieder antritt.
Doch nach drei Monaten im Amt, hat es Dilma Rousseff geschafft, sich von Lula zu distanzieren. Sie hat einen eigenen Arbeitsstil, stringent und weniger kumpelhaft, aber auch inhaltlich hat sie sich von ihrem Vorgänger abgegrenzt.
Deutlich wird dies vor allem in der Haushaltspolitik. Die ausschweifende Ausgabenpolitik Lulas konnte und wollte sie nicht fortführen. Es wird gespart. Teure Rüstungsprojekte hat sie gekippt, beim Mindestlohn legte sie nur ganz wenig drauf, - ungewöhnlich für eine linke Regierung. Und sie bekommt Applaus von der Industrie. Roberto Gianetti da Fonseca.
"Die Präsidentin geht das Thema sehr ernst an, und es scheint, als dass sie da eine ganz neue haushaltspolitische Strenge anlegt. Der Einschnitt von 50 Milliarden Reais, umgerechnet rund 20 Milliarden Euro, ist schwierig. Aber das Ziel ist wünschenswert. Denn Brasilien muss die Ausgaben senken, die Kosten der Verwaltung, und es muss weniger Geld verschwendet werden."
Dilma Rousseff hat sich binnen weniger Monate vom übermächtigen Lula da Silva emanzipiert. Sie tritt auch nach außen hin selbstbewusst auf, lässt keinen Zweifel daran, dass sie die Präsidentin einer mächtigen Nation ist.
Zu spüren bekommen hat dies zuletzt Barack Obama. Beim Staatsbesuch des US-Präsidenten knisterte es. Der wollte eine groß angelegte Rede ans Volk inmitten von Rio de Janeiro. Dilma Rousseff kritisierte im kleinen Kreis aber doch vernehmlich das Ansinnen und meinte: Sie stelle sich ja auch nicht auf den Times Square und halte eine Rede an die US-Amerikaner. Am Ende sprach Obama in einem Theater vor geladenen Gästen. Und dass der mächtigste Mann der Welt die brasilianische Forderung nach einem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat nicht offen unterstützte, ärgerte Dilma Rousseff. An Obama gewandt, machte sie Ihrem Ärger auch Luft.
"Es kann keinen reformierten UN-Sicherheitsrat geben, ohne dass einige wichtige Länder mit dabei sind. Wie Indien und Brasilien. Länder mit einer großen Bevölkerungszahl, mit kontinentalen Ausmaßen, und die heute als große aufstrebende Mächte der Welt angesehen werden. Es ist nicht hinzunehmen, dass nach einer Reform der Vereinten Nationen, Brasilien nicht dabei wäre."