Brasilien ist wahrlich ein Land der Extreme. Seine Ausmaße sind riesenhaft, die Lebensfreude vieler Brasilianer ist sehr ausgeprägt, aber auch extreme Gewalt ist hier alltäglich. Beziehen deshalb viele Brasilianer auch extreme Meinungen, Extrempositionen?


Dieser Tage „brennen“ die Straßen in Rio und in anderen brasilianischen Großstädten. Molotovcocktails fliegen, Fenster werden eingeschmissen und Tränengas wird versprüht. Die zumeist jungen Demonstranten solidarisieren sich nicht etwa mit den Protestlern vom Gezi-Park im türkischen Istanbul, nein, ihre Wut wurde von einer Preiserhöhung für öffentliche Verkehrsmittel entfacht. Für Rio de Janeiro bedeutet dies: Seit Anfang Juni müssen nunmehr 2,95 Real gezahlt werden, 20 Centavos mehr, umgerechnet circa 7 Cent. Wie kann solch eine zugegebenermaßen geringe Preiserhöhung so viele erboste Menschen hervorbringen? Das alles wegen 7 Cent? Es rührt wohl eher daher, dass sich die Inflation in den vergangenen Monaten in Brasilien nochmal verschärft. Das Leben wird zusehends teurer für die Brasilianer und diese Preiserhöhung hat nun das Fass zum Überlaufen gebracht, zumal sie eine politische Entscheidung war. Auf die Politiker kann man wenigstens schön konkret sauer sein (wobei sich Proteste eher aufgrund der unverfrorenen Korruptheit der politischen Klasse Brasiliens rechtfertigen ließen, wenn man mich fragt).

Dennoch geht nur eine Minderheit auf die Straße, fast alles sind Studierende, die, wenn ich eine gewagte These aufstellen möchte, für die Proteste doch mal sicherheitshalber ihre I-Phones daheim gelassen haben… Studierende sind in Brasilien nämlich immer noch vergleichsweise privilegiert und aus „gutem Hause“. Ist das also eher ein Extrem von kurzer Lebensdauer, zumindest in Bezug auf die doch sehr heftigen Ausschreitungen rund um die Preiserhöhungen?

Extreme Meinungen konnte ich auch in anderen Kontexten im Kleinen beobachten. So beschwerte sich eine Bekannte von mir mal über ihre Chefin, die die Angestellten ungerecht behandle und nicht nach Tarif bezahle. Warum sie das tut? Na klar, sie ist doch Jüdin. Die wollen halt immer ihr Geld bei sich halten. Da musste ich erst mal schlucken.  Gerade als Deutscher hört man so etwas äußerst ungern, doch akzeptable ist diese Position in keinem Fall. Ich habe meiner Bekannten dann versucht zu erklären, dass man doch nicht aufgrund der Religion oder der „Rasse“ (ich weiß, ein unschöner Begriff, aber in Brasilien ist das Wort „raça“ recht gebräuchlich) auf das Verhalten von Menschen schließen kann. Ihre Chefin verhält sich doch nicht so, weil sie Jüdin ist, sondern höchstens, weil die es mit dem Kapitalismus allzu ernst nimmt. Vielleicht ist sie gar keine gläubige Jüdin. Doch meine Bekannte beharrte auf ihre – in meinen Augen – extreme Position, und zwar extrem unerträgliche Position. Egal welchen Brasilianer ich fragen würde, der würde mir diese angebliche Eigenschaft von jüdischen Arbeitgebern bestätigen. Dass so gut wie jeder mal seinen Chef, ganz gleich welche Hautfarbe, Herkunft, sexuelle Orientierung oder eben Religion, gerne mal in die Wüste schicken würde, das kam ihr nicht in den Sinn. Sollte diese Position von wirklich vielen Brasilianern vertreten, empfehle ich einen besseren Geschichts- und Gesellschaftskundeunterricht. Doch Vorurteile und Rassismus, ob offen oder unterschwellig, sind in Brasilien leider an der Tagesordnung, einem Land mit Menschen aller möglichen Hautfarben und Herkunft.

Noch ein Beispiel: Die alltägliche Gewalt in Brasilien ist oft Thema in Gesprächen mit Freunden und Bekannten. Raubüberfälle in Bussen, kleinkriminelle Halbstarke auf Cobacanas Straßen, Schießereien in oder zwischen Favelas – alles wird thematisiert. Wie man das Problem lösen könnte? Man sollte die Todesstrafe wieder einführen.

Und wieder fällt mir die Kinnlade runter. Habe ich etwa einfach eine zu europäische, auf Menschenrechten aufbauende Lebenseinstellung? Kann man das nicht auf Brasilien übertragen? Nein, was Menschenrechte angeht, bin ich strikt universalistisch eingestellt. Sie müssen und sollen für alle Menschen gelten. Natürlich, die Kriminalitätsrate ist erschreckend hoch in Brasilien, trotz angeblich pazifizierter Favelas, und eine bessere Abschreckung – vielleicht in Form der Todesstrafe – würde dem womöglich Einhalt gebieten. Doch spricht so vieles gegen die Todesstrafe: Dass so viele fälschlicherweise verurteilt werden, dass sich eine Gesellschaft doch nicht auf Rachegedanken aufbauen kann und selbst in gewisser Weise selbst zum Mörder wird, dass die Straftäter durch einen erzwungenen Tot nichts eingestehen oder dazulernen. Ich es gar nicht weiter ausführen.

Ich finde, dass man eher an anderen Stellen in Brasilien ansetzen sollte. Zum Beispiel die Armut weiter bekämpfen, Korruption nicht mehr hinnehmen, noch mehr Favelas befrieden und auch womöglich härtere Strafen einführen, wenn sonst nichts hilft. Gerade junge Straftäter kommen schnell wieder frei. Die Gewalt zu bekämpfen müsste ein gesamtgesellschaftliches Projekt sein, wobei nicht nur mit dem Finger auf die üblichen Verdächtigen aus den Armenvierteln gezeigt werden darf. Auch die reicheren Brasilianer sollten sich dem Problem stellen und sich nicht in ihren abgeschotteten Wohnblöcken verstecken und Parallelgesellschaften bilden.

So können die Brasilianer dann ohne politischen Extremismus, ohne erschreckende Extrempositionen, ohne extreme Gewalt auf ihr Land und das, was sie erreicht haben, schauen. Und zwar extrem stolz.