Unglaublich. Meine drei Monate in Rio de Janeiro sind schon vorbei. Was wird mir von der „wunderbaren Stadt“ und von Brasilien im Gedächtnis bleiben? Vor allem eines: Brasilien war in dieser Zeit das Land der Ausnahmezustände.

 

Spannend war meine Zeit in Rio allemal: Ich durfte im Rahmen meines Praktikums dem Bundespräsidenten, Joachim Gauck, die Hand schütteln, kletterte auf viele der sich in die Stadt einschmiegenden Berge und konnte so die atemberaubendsten und schönsten Ausblicke meines Lebens genießen, und ich habe so einige rasante Busfahrten hinter mich gebracht.

Einem deutschen Flachlandkind, das eigentlich die Ruhe einer Kuhwiese und die gepflegten Fahrkünste des der Straßenverkehrsordnung unterworfenen Volkes gewohnt ist, bleibt da nicht selten die Spucke weg. Überhaupt: Wie absurd, dass ich erst mal nach Brasilien reisen musste, um den deutschen Bundespräsidenten zu treffen.

Das waren also meine persönlichen Highlights, meine ganz speziellen „Ausnahmezustände“ – Dinge, die ich daheim nicht hätte erleben können. Doch auch was Brasilien selbst anbelangt, wurde in den vergangenen Wochen und Monaten nicht an Ausnahmezuständen gespart.

Eine Preiserhöhung für Busfahrten löste die größten Proteste seit Jahrzehnten aus. So gut wie alle Brasilianerinnen und Brasilianer stimmten den zentralen Forderungen zu:  bessere Bildung und Gesundheitsversorgung, einEnde der Korruption und mehr soziale Gerechtigkeit. Präsidentin Dilma Rousseff legte auch gleich einen Zehnpunkteplan vor, der diese Problemfelder angehen soll. Sogar eine politische Reform Brasiliens wurde in Aussicht gestellt, die von einer Volksabstimmung legitimiert werden soll. Doch über was genau abgestimmt wird, das blieb im Wagen. Außer dass die Bustickets wieder günstiger wurden hat man bisher wenig Konkretes an Veränderungen bemerken können.

Diesem sozial-aufrührerischen Ausnahmezustand mit einher ging leider auch ein Ausbruch von Gewalt und Vandalismus. Maskierte Männer steckten Autos in Brand, schlugen Fensterscheiben ein, plünderten Geschäfte. Der polizeilichen Staatsmacht wurde einerseits zu hartes Vorgehen vorgeworfen, andererseits musste man im Fernsehen mit anschauen, wie sich Sicherheitsleute vor der aufgebrachten und kopflosen Masse in einer Bank verbarrikadieren mussten. Nur mit der Hilfe von couragierten, friedlichen Demonstranten konnten sie aus der Falle gerettet werden. Es ist schade, dass eine Minderheit die Proteste so hat enden lassen. Wollen wir hoffen, dass nicht der Ausnahmezustand brennender Autos in Erinnerung bleibt, sondern jener mit hunderttausenden  Menschen auf den Straßen, die sich friedlich für ein besseres Brasilien einsetzen.

Und jetzt zum Abschluss erwartet mich ein weiterer Ausnahmezustand: Der Weltjugendtag in Rio. Bis zu anderthalb Millionen junge Menschen versammeln sich hier – nicht zum protestieren – sondern um ihren Glauben gemeinsam zu feiern. Überall sieht man Grüppchen von Pilgern, die Polizeipräsenz ging stark nach oben, ganze Stadtteile werden für den Verkehr gesperrt, der Strand von Copacabana ist nicht wiederzuerkennen: Nicht die sonnenhungrigen Cariocas nehmen den Strand in Beschlag, sondern abertausende gläubiger Katholiken, um einen Blick auf den neuen Papst Franziskus zu erhaschen. Auch Letzterer versetzt Rio – und vor allem die Sicherheitskräfte – in den Ausnahmezustand. Nicht wie die Staatsoberhäupter normalerweise in einer gepanzerten Limousine lässt er sich durch die Stadt kutschieren, nein, in einem kleinen Fiat fährt er gemütlich bei offenem Fenster mitten in einem Stau hinein, um auch noch dem letzten Baby einen Kuss auf die Wange zu drücken.

Ich finde die Herangehensweise des Papstes äußerst sympathisch, und sie passt einfach gut zu diesem Land, das so herzliche und offene Menschen beherbergt, mehrheitlich nicht reich ist und immer noch mit viel Gewalt zu kämpfen hat. Doch die Lebensfreude lassen sich die Brasilianerinnen und Brasilianer davon nicht nehmen.

Zuversicht – das ist das Grundprinzip dieses erstaunlichen Landes. Der „jeito brasileiro“, also die Zuversicht, dass man irgendwie schon eine Lösung finden wird, egal wie ungeheuer das Problem auch erscheinen mag, das zeichnet Brasilien aus. „Problemlöser“, das ist hier ein richtiger Beruf. Freilich fließt auch hier so manches Mal Schmiergeld, was unschön ist, doch wenn man nur hartnäckig genug ist und die Proteste der vergangenen Wochen etwas in den Köpfen der Menschen bewirkt haben, kann auch das, so Gott will (ein sehr häufiger Ausspruch hier in Brasilien), überwunden werden. Der „jeito“ ist allgegenwertig in Brasilien, eine sehr angenehme und nachahmenswerte Charaktereigenschaft der Menschen hier, ein toller „Ausnahmezustand“. Davon sollte sich der ordnungsversessene Preuße ruhig mal etwas abschneiden.

„Brasilien ist das Land der Zukunft“, schrieb der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig, der auch längere Zeit in Brasilien gelebt hat. Böse Zungen behaupten, dass es das auch immer bleiben wird. Doch das glaube ich nicht. Brasilien ist im Umbruch, die Menschen hier streben danach etwas zu erreichen, für sich selbst, aber auch für die Gesellschaft insgesamt. Ich jedenfalls bis schon gespannt, welche Ausnahmezustände mir bei meinem nächsten Brasilienbesuch begegnen werden.