Ureinwohner Brasiliens berichten in Berlin von den Folgen.

"Man behandelt uns wie Vieh"

"Brasilien existiert, weil es die Guaraní gibt", sagt Anastácio Peralta
stolz auf einer Veranstaltung in Berlin. Er ist einer von 40.000 Indigenen
des Volkes der Guaraní Kaiowa, die im Bundesstaat Mato Grosso do Sul im
zentralen Westen des Landes zu Hause sind. Die Gesamtbevölkerung dieses
Bundesstaateslebt heutzutage jedoch überwiegend von der Landwirtschaft, denn
dort hat sich die  Agrarindustrie angesiedelt: Zuckerrohr, Soja, Mais und
Viehweiden dominieren - soweit das Auge reicht. Und es soll noch mehr
Zuckerrohr werden: Brasilien möchte der größte Exporteur des
Agro-Treibstoffes Bio-Ethanol werden.

Demarkation indigener Territorien verschleppt

Kaiowa bedeutet "Waldmenschen". Doch gibt es immer weniger Wald für die
Waldmenschen, immer weniger Lebensraum für dieses Volk. "Laut einer Studie
lebten die Guaraní ursprünglich auf 112.000 Hektar Land. Jetzt drängen sie
sich auf etwa 18.000 Hektar zusammen", erklärt Egon Heck vom
Indianermissionsrat CIMI.

Agrarindustrie und Viehzüchter eignen sich das Land der Indigenen oft
illegal an. Deren Territorien sind häufig nicht demarkiert. Die Nationale
Indianerbehörde FUNAI hätte zudem bis 30. Juni 2009 die Demarkierung von
indigenen Territorien abschließen sollen, berichtet Egon Heck. "Das ist
nicht geschehen, weil die Agro-Industrie eng mit der Politik verflochten
ist". Doch auch die offizielle Ausweisung als indigenes Territorium bietet
keinen Schutz.

Bestehende Rechte der Guaraní missachtet

Kürzlich unterzeichneten beispielsweise der brasilianische
Biotreibstoffgigant Cosan und der Shell-Konzern einen Vertrag zur
Bio-Ethanol-Herstellung in Brasilien. Das Land, auf dem das Zuckerrohr
angebaut wird, ist sogar offiziell als indigenes Territorium
festgeschrieben. "Nationales und internationales Recht, wie die Konvention
169 der Internationalen Arbeitsorganisation ILO, werden schlichtweg nicht
umgesetzt", erklärt Egon Heck.

Die Verschleppung der Demarkation führe zum anderen dazu, dass die Guaraní
keine vertraglich festgeschriebenen Rechte auf ihre Territorien haben und
gegen ihre Vertreibung nur schwer gerichtlich vorgehen können. Sie würden
von ihrem Land vertrieben und müssten dann unter oft sklavenähnlichen
Bedingungen in der Agrar-Industrie arbeiten, erklärt Verena Glass von der
Organisation "Repórter Brasil". "Es gibt genug Platz für Soja und
Zuckerrohr. Aber den Menschen, die dort seit Jahrtausenden leben, wird kein
Raum zugestanden. Man behandelt uns wie Vieh", beschreibt Anastácio Peralta
die Situation.

Brasilianisches Bio-Ethanol nicht nachhaltig

Politik und Agrar-Industrie seien in Brasilien aufs Engste miteinander
verwoben, unterstreicht auch Glass und wartet mit einem Beispiel auf: Auf
den Ländereien eines Bürgermeisters in Pernambuco wurden durch die Behörden
Sklavenarbeiter befreit. Der Anwalt dieses Bürgermeisters habe daraufhin
erklärt "Diese Arbeitsbedingungen sind kulturell und historisch so bedingt".

Öffentlichkeit und die Politik müssten überall auf der Welt jedoch erst für
das Thema sensibilisiert werden, erklärt Glass, deshalb sei man auch nach
Deutschland gereist. Selbst bei der brasilianischen Zivilgesellschaft sei
das Thema noch nicht angekommen. "Das brasilianische Ethanol aus Zuckerrohr
ist weder sauber noch nachhaltig. Es ist erneuerbar, doch nachhaltig muss es
erst noch werden".

Bettina Hoyer